REISE DER STUDENTENMUSIK EINSIEDELN 29. April - 5. Mai

Eine lange Vorbereitungszeit und eine weite Reise

Nachdem wir vor einem Jahr von unserer Reise nach Slowenien zurückgekehrt waren, schrieb ich im Reisebericht, dass ich daran sei, die nächste FM-Reise zu planen und die ersten Kontakte bereits hergestellt seien. Ebenso erwähnte ich, dass es mir wichtig ist, nicht nur Konzerte zu geben, sondern dass auch der Kontakt untereinander gefördert und das Blickfeld erweitert werden soll. Das Polen-Projekt war damals bereits am Gären. Meine Freunde in Polen haben dann sehr viel Arbeit geleistet, bis unsere Reise dorthin tatsächlich möglich wurde.

Und nicht nur die Vorbereitungszeit war lange, sondern auch die Reise! Wir sind sehr lange mit dem Bus gefahren, bis wir am Ziel waren!

Ich habe den Vorschlag unseres Busfahrers Marcell Schuler, mit dem ich jetzt zum zwölften Mal unterwegs war, aufgenommen und habe die Hinreise auf die Nachtstunden verlegt. Man kommt so natürlich zügiger vorwärts als am Tag, allerdings haben wohl die wenigsten gut schlafen können.

Die vielstündige Fahrt über die 1000 Kilometer ist nur mit zwei Fahrern zu bewältigen und wurde deshalb möglich, weil Marcell’s Kollege Christoph Reber eine Ferienwoche opferte und uns begleitete. Wir boten dafür den kostenlosen Aufenthalt und konnten die Erfahrung eines solchen Unternehmens weitergeben.

Dass die Reise dann durch einen Stau noch um gut eineinhalb auf 15 Stunden verlängert wurde, habe ich im Voraus für möglich gehalten, hoffte aber, dass keine solche Widrigkeiten eintreten würden. Das taten sie dann aber doch… Ein Lastwagen kippte bei einem Überholmanöver, verteilte 25 Tonnen Abbruchmaterial über die ganze Autobahn und blieb mit den Rädern nach oben im Strassengraben liegen. Es war kein schöner Anblick!

Nach der Ankunft im temperaturmässig hochsommerlichen Breslau blieb uns eine Stunde, um uns im Hostel Mleczarnia einzurichten, bevor wir uns beim Mittagessen mit ostpolnischen Spezialitäten stärkten.

 

Ein Begleiter-Team, auf das ich mich blind verlassen konnte

Wie in den vergangenen Jahren durfte ich wieder mit meiner Assistentin Irmgard Fuchs und Busfahrer Marcell Schuler zusammenarbeiten. Und wie schon erwähnt, kam neu als Fahrer Christoph Reber hinzu. Aus ganz besonderen Gründen kam unser Chemielehrer Pater Georg mit. Als ich ihm im letzten Herbst von unserem Breslau-Projekt erzählte, sagte er mir, dass seine Vorfahren von dort kommen, worauf ich ihm sagte, dass er doch mit uns reisen solle. Und so ist das dann auch geschehen. P. Georgs Vorfahren waren als Kirchen- und Kunstrestauratoren tätig und sein Grossvater wanderte von Breslau nach Einsiedeln aus. An einem freien Nachmittag ging ich mit P. Georg zusammen auf die Suche nach dem Atelier seines Grossonkels und wir wurden prompt fündig. Es war auch für mich ein besonderer Moment, vor diesem Haus zu stehen. Weniger, weil ich dazu eine persönliche Beziehung habe wie das bei P. Georg der Fall ist, sondern wegen der Umgebung, in der das Haus steht. Man geht zuerst durch eine Wohnstrasse in der Nähe des Bahnhofs, dann durch einen Durchgang in einen riesigen Hinterhof und man hat das beklemmende Gefühl, dass der Zweite Weltkrieg grad erst vor ein paar Wochen zu Ende gegangen ist. Der Anblick dieser alten Häuser mit den abgebrochenen Teilen, bei denen man noch sieht, dass da mal Wohnungen waren, die aber durch Bomben zerstört worden waren, jagten mir kalte Schauer über den Rücken. Und da leben Menschen. Hier wurden die gewaltigen sozialen Unterschiede in diesem Lande für mich am sichtbarsten.

Pater Georg reiste aber nicht nur als Ahnenforscher mit, sondern er hat mich tatkräftig unterstützt, indem er immer wieder Aufgaben übernahm, wenn ich zusätzliche Hilfe brauchte.

Meine Assistentin Irmgard war nun zum vierten Mal dabei und unterstützte mich nicht nur während der Reise, sondern sie war von Anfang an in das Polen-Projekt involviert und hat mitgeplant und mitgedacht. Allerdings war das nicht immer ganz einfach, da sie momentan ein Auslandsemester in Holland macht. So ist sie mit dem Zug aus Leiden nach Breslau angereist und kam am Schluss mit uns zusammen in die Schweiz. Sie kennt den FM-Laden aus eigener Erfahrung als Flötistin und Sousaphonistin und kann mich auf Schwierigkeiten aufmerksam machen, lange bevor diese auftauchen könnten und übernimmt alle Arbeiten, die ich nicht selbst erledigen kann.

Und unsere beiden Fahrer Marcell und Christoph haben uns nicht nur zuverlässig und sicher von Ort zu Ort gefahren, sondern haben mit ihrem Humor auch immer für eine gute Stimmung gesorgt.

Allen meinen Mitarbeitern bin ich unendlich dankbar. Ohne sie ginge gar nichts!

 

Die aktivsten und neugierigsten FM-Mitglieder

Seit der Reise nach Kreta vor 15 Jahren war dies die längste FM-Reise. Wir gaben fünf mehr oder weniger lange Konzerte, hatten aber auch viel freie Zeit zur Verfügung, um unsere Neugier auf das allen FM-Mitgliedern unbekannte Polen zu stillen und etwas zu unternehmen. Allerdings waren da nicht alle gleich aktiv und es gab doch einige, welche ziemlich träge im Hostel herumhingen und erstaunlich wenig unternahmen.

Ganz anders unsere fünf jüngsten Mädchen. Sie packten gleich die erste Möglichkeit, um die Stadt zu erkunden und wollten von mir die nötigen Angaben. Ich vermute, dass sie am meisten von Breslau gesehen haben. Sogar eine Schifffahrt auf der Oder haben sie unternommen. Ich hatte wahnsinnig Freude an diesen aktiven Girls. Sie bestätigen mich in meiner Arbeit und meinem Willen, nicht nur Musik zu vermitteln, sondern auch den Horizont zu erweitern.

Allerdings darf ich mich nicht über meine FM-Mitglieder beklagen! Sie haben tolle Musik gemacht und einen äusserst positiven Eindruck hinterlassen. So hat mir die Besitzerin des Hostel Mleczarnia aus dem Journal des Personals an der Rezeption vorgelesen. Immer wieder wurde erwähnt, wie anständig und freundlich die Gruppe sei. Es gab nicht die geringste Beanstandung.

 

Viel Musik und viele Zuhörer

Insgesamt haben wir im Moment ein Repertoire von etwa 90 Minuten Musik. Und das haben wir mehrfach gebraucht!

Der erste Auftritt fand auf einer der Oder-Inseln statt. Es gab Verzögerungen, bis wir endlich mit dem Konzert beginnen konnten, da wegen eines Kommunikationsproblems der Ort unseres Auftrittes unklar war. So verzichteten wir aus Zeitmangel – aber auch wegen der sehr hohen Temperaturen – auf unsere Uniformen. Ich hoffe, dass das zahlreiche Publikum nicht nur wegen der Bekleidung unserer hübschen Musikerinnen, sondern auch wegen der Töne, welche aus ihren Instrumenten kamen, so lange bei uns stehen blieb und zugehört hat.

Und ein Instrument war ganz speziell. Unsere Trompeterin Sonja hat ihr Alphorn mitgenommen und spielte bei jedem Auftritt ein oder zwei Stücke. Sie machte das wirklich sehr gekonnt! Und dasselbe gilt auch für unsere Gabrielibläser!

Der dritte Auftritt – vom zweiten werde ich nachher schreiben – fand ebenfalls in Breslau statt und war für mich der wichtigste. Vor einem guten Jahr hatte meine Cousine Maja die Idee, dass wir mit der FM auf dem Marktplatz von Breslau auftreten würden; ganz einfach, weil ihr das Ambiente der Altstadt und der riesige Platz gefällt. Und so lag mir sehr viel daran, dass dieses Konzert stattfinden konnte. Allerdings tönten die Wetterprognosen etwas gefährlich. Schliesslich hatten wir aber einen gewaltigen Erfolg mit unserem Auftritt und genau in dem Moment, als wir fertig zusammengeräumt hatten und im Bus sassen, brach das Gewitter los und es goss wie aus Kübeln. Es hat uns allen gut getan, vor einem so grossen Publikum – der Marktplatz war am Nationalfeiertag natürlich beinahe überfüllt – aufzutreten und alle genossen den Erfolg.

Nicht nur der 3. Mai sondern auch der 1. Mai ist in Polen ein Feiertag und alle Geschäfte sind dann geschlossen. Und das war natürlich ein Problem für unsere leidenschaftlichen Shopperinnen und diese mussten ihre Passion etwas verschieben. Und nicht nur das wurde verschoben!

 

Der verschobene Nationalfeiertag in Oleśnica

Da der Bürgermeister des etwa 30 Kilometer östlich von Breslau gelegenen Städtchens Oleśnica am Nachmittag des 2. Mai nach Brüssel reisen musste, er aber doch an der Feier zum Nationalfeiertag teilnehmen wollte, zumal Schweizer die Musik zur Feier beisteuerten, wurde die Feier kurzerhand um einen Tag vorverschoben.

Wir haben vor dem Rathaus von 11.00 bis 11.51 Uhr für ein äusserst dankbares Publikum gespielt. Ja, 11.51 Uhr! Fünf Minuten brauchte der Bürgermeister, der Punkt 12.00 abreisen musste, für seine Rede und vier Minuten beanspruchte die polnische Armee für ihre Fahnenzeremonie. Im Interesse des Friedens zwischen Studentenmusik und Polen habe ich mich genauestens an die Zeitvorgabe gehalten. Im Anschluss an unseren Auftritt kam ein Pole auf mich zu und zeigte mir voller Stolz seine 50 Jahre alte Schweizer Uhr der Marke Atlantic, die immer noch ganz genau lief.

 

Zügeln nach Süden und die Nacht im Kloster

Am Freitagmorgen fuhren wir 100 km nach Süden, um in Duszniki-Zdrój aufzutreten und dort zu übernachten.
Fast auf die Minute genau pochten wir im Franziskanerkloster an die Pforte und wurden von Pater Damian begrüsst. Er hat uns nicht nur beherbergt, sondern auch die Essen organisiert und mitgeholfen, damit wir zwei Auftritte hatten.

Der erste Auftritt fand nach der Besichtigung der im Jahre 1605 erbauten Papiermühle auf dem Hauptplatz von Duszniki-Zdrój statt. Ich habe erst im Nachhinein erfahren, dass wir im Programm eines Festivals (Muzyka EPOK) liefen, das nun zum vierten Male stattfand. Die jungen Stadtbehörden geben sich grosse Mühe, das kulturelle Leben zu bereichern und waren entsprechend stolz darauf, eine Schweizer Gruppe präsentieren zu können. Einmal mehr begeisterte die FM mit ihrem jugendlichen schwungvollen Musizieren und einmal mehr hielt sich das Wetter trotz drohender dunkler Wolken.

Am Abend stand noch ein spezieller Auftritt bevor. Wir spielten vor der Basilika von Wambierzyce, einem bekannten Marienwallfahrtsort in Schlesien. Es war schon sehr beeindruckend, diesen riesigen Bau plötzlich vor sich zu haben und noch beeindruckender war dann die Beleuchtung der Kirchenfassade mit den 1200 Lampen, welche bei besonderen Anlässen eingeschaltet wird – und dank der wir grad noch knapp genügend Licht hatten, um die Noten zu sehen.

Übernachtet haben wir im Franziskanerkloster; ich selbst allerdings erst, nachdem ich mit dem Guardian des Klosters und Pater Damian noch ein Bier genossen hatte. Von anderen habe ich gehört, dass sie das Bett eigentlich gar nicht gebraucht hätten, sondern die letzte Nacht mit Plaudern verbracht haben. Man konnte ja dann auf der langen Rückreise durch Tschechien und Deutschland wieder genügend schlafen. Allerdings haben diese Übernächtigten dann die Fahrt durch Prag verpasst.

Am Samstagabend kamen wir dank der sicheren Fahrweise von Marcell und Christoph wohlbehalten wieder in Einsiedeln an.

Ganz am Schluss, als schon alle weg waren, fand ich noch ein einsames Saxophon mitten auf der Strasse hinter dem Theater im Regen stehen. Ich habe mich dann des armen Instrumentes erbarmt und es in unserem Materialraum in Sicherheit gebracht.

Nebst meiner Mitarbeiterin Irmgard und meinen Mitarbeitern Georg, Marcell und Christoph danke ich auch unserem Arzt Simon Stäuble, der für telefonische Hilfe immer erreichbar gewesen wäre und mich mit den nötigsten Medikamenten ausgestattet hat.

Unsere Flötistinnen Inês Camilo und Céline Kälin stellten täglich einen aktuellen Bericht ins Internet, soweit dies technisch möglich war; herzlichen Dank für diesen Aufwand!

Den FM-Mitgliedern danke ich für die gegenseitige Hilfsbereitschaft, die Konzentration während der Konzerte – ihr habt wirklich toll gespielt – und das tadellose Verhalten. Wir haben eine Reise hinter uns, von der ich sagen kann, dass alles positiv war und niemand auf irgendeine Weise negativ aufgefallen wäre.

Ich danke allen Sponsoren und den Eltern, welche die Reise finanziell ermöglicht haben!

Und der grösste Dank gebührt Maribel Carrillo und ihrem Mann Piotr Atamanczyk. Sie haben unseren Aufenthalt in Polen organisiert. Frau Agnieszka Ostapowicz danke ich für den Auftritt in Oleśnica, Pater Damian Stachowicz für den Aufenthalt in Duszniki-Zdrój und meiner Cousine Maja (sie ist die Gotte von Maribels und Piotrs Sohn Nathaniel) für die tolle Idee!

Marcel Schuler