Konzerttournee der Studentenmusik vom 29. April bis 3. Mai 2003 nach Portsmouth

Als Urs, Lorenz und Martin schlag fünf Uhr am Dienstagmorgen vor dem Bus standen, der uns zum Flughafen bringen sollte, konnte ich sicher sein, dass nun alle Einsiedler da waren und die Reise beginnen konnte. Etwas später wurden dann auch noch die Höfner in Schindellegi und Wollerau und am Schluss unsere Wädenswiler eingesammelt. Silvan hatte den Bus organisiert – wir hätten auch mit dem Zug nach Kloten fahren können – und wir alle waren ihm dankbar für diese bequeme und erst noch sehr kostengünstige Variante! An sämtlichen Treffpunkten waren alle FM-Mitglieder pünktlich da und um 06.15 trafen die 41 Bläserinnen und Bläser und das Team, bestehend aus Linda Morgenthaler, Pater Roman und mir als verantwortlichem Leiter wie geplant in Kloten ein.
Die Sicherheitskontrollen am Flughafen waren sorgfältiger als früher und dass man nicht mit offenem Sackmesser im Handgepäck in ein Flugzeug einsteigen kann, weiss nun auch Pater Roman.
Trotzdem flogen wir pünktlich ab und damit wir auch keine Minute vor der planmässigen Landungszeit in London-Heathrow ankamen, kreiste das Flugzeug eine geschlagene halbe Stunde lang über dem Osten der Stadt, was nicht jedem FM-Magen gut bekam.
Während der Busfahrt nach Portsmouth kam von Werni, unserem Material-Chauffeur ein SMS, dass er und Reisebegleiterin Elena, unsere Physiklehrerin, das Ziel ebenfalls bald erreichen würden. Sie waren bereits am Montagmorgen gestartet, haben in Calais übernachtet und sind durch den Kanaltunnel nach England gekommen. Den beiden bin ich unendlich dankbar, dass sie diese Strapazen auf sich genommen haben. Wir konnten so unser Grossmaterial bequem im Schulbus transportieren.
Nach dem Hotelbezug besuchten wir am Dienstagnachmittag die Historic Dockyard von Portsmouth und das war auch der einzige Moment, wo wir mit dem Irak-Krieg konfrontiert wurden. Auf der Hafenrundfahrt sahen wir zwei Schiffe, die gerade von ihrem Kriegseinsatz zurückgekehrt waren.
Einige Mitglieder nutzten den Nachmittag, um Portsmouth auf Inline-Skates zu erkunden. Ich hatte ihnen erlaubt, die Skates mitzunehmen unter der Bedingung, dass auch die entsprechenden Schoner mitgenommen und getragen werden. Auch unser Materialbus-Fahrer Werni hatte seine Skates dabei, vergass aber die Handgelenk-Schoner. Die Engländer staunten dann nicht schlecht, als ihnen jemand mit Inline-Skates an den Füssen und normalen Schuhen an den Händen entgegenfuhr.
Der Mittwoch war dann der anstrengendste Tag der Konzertreise. Auf dem Programm standen zwei Auftritte in verschiedenen Schulen und ein öffentliches Konzert am Abend.
Um 09.30 waren wir in der Corpus Christi R.C. Primary School bereit zum ersten Auftritt. Vor uns sassen am Boden die etwa 120 vier- bis siebenjährigen Kinder, eine Stunde später folgte dann in einer zweiten Abteilung die nächste Altersstufe (7-11 Jahre).
Dieses Konzert sollte zum ersten von mehreren höchst beeindruckenden Momenten für die FM werden. Wir hatten vorgesehen, dass gegen Schluss der Stunde die Kinder unsere Instrumente ausprobieren dürfen. Mit unglaublicher Neugierde, grossem Interesse und freudestrahlenden Augen bliesen die Kleinen in die verschiedenen Instrumente, traktierten das Schlagzeug oder bekamen Gitarre-Unterricht von Pater Roman. Echte Talente wurden dabei entdeckt und viele brachten sogar das Sousaphon von Lukas zum Tönen.
Dieser freudevolle Ausbruch der verschiedenen Töne stand in krassem Gegensatz zu der eher bedrückend wirkenden starren Disziplinierung der Kinder. In allen vier besuchten Schulen lief der Konzertbesuch nach demselben Muster ab. Die Kleinen marschierten in einer strengen Einerkolonne in die Halle, stellten sich in eine Reihe, liessen sich im Schneidersitz nieder und waren mucksmäuschenstill, dann folgte die nächste Reihe, bis der Saal gefüllt war. An einer Schule bemerkten wir sogar richtiggehende Angst der Kinder vor einzelnen Lehrern und in der zuletzt besuchten Schule waren die Lehrer erschreckt über die Aufforderung, dass die Kinder nun nach vorne kommen könnten um die Instrumente zu probieren. Offensichtliche Angst, die Kontrolle zu verlieren, war in ihren Gesichtern zu lesen.
Sehr befremdlich war auch, dass uns nicht gestattet wurde, auf dem Schulhof unser Mittags-Sandwich zu verzehren während die Schüler draussen waren. Direkter unbeaufsichtigter Kontakt wurde streng vermieden. Für uns fremd waren auch die Schuluniformen. Meiner Ansicht nach allerdings keine schlechte Einrichtung. Soziale Unterschiede sind damit in der Kleidung nicht ersichtlich.
Die negativen Wahrnehmungen änderten aber nichts am positiven Erlebnis unserer Auftritte an den Schulen. Sowohl die Schülerinnen und Schüler als auch die Mitglieder der FM waren überglücklich über diese Erlebnisse.
Am Mittwochnachmittag traten wir unter gleichen Bedingungen wie am Morgen in der College Park Infant School auf und am Abend stand das öffentliche Konzert in der St Agatha’s Church auf dem Programm. Man kann nicht gerade behaupten, dass das Publikum in hellen Scharen herbeiströmte, obwohl sich die Organisatoren mit der Werbung sehr grosse Mühe gegeben hatten und so entschlossen wir uns zu einem abgekürzten Programm, dessen zweiter Teil die Big Band alleine bestritt.
Am Donnerstag folgten nochmals zwei Auftritte in Schulen, wobei wir jedes Mal dieselbe schöne Erfahrung mit den interessierten Kindern machten. So konnte sich Evelina einmal kaum dagegen wehren, dass eine Kleine ihr die Klarinette fast aus den Händen riss. Das Bedürfnis dieser Kinder, Musikinstrumente einmal live zu erleben und sogar selbst zu probieren, war gewaltig. Ich hoffe einfach, dass wir nach unserem Auftritt in der kleinen Halle der Westover Primary School keine Gehörschäden hinterlassen haben. Trotzdem bleibt es für mich ein Rätsel, wie der Kleine bei unserem Auftritt in der College Park Infant School einschlafen konnte – bis sein Kopf an die Rücken zweier vor ihm sitzender Kollegen kippte. So leise waren wir nicht!
Diese Erfolge mit den Auftritten in den Schulen wären niemals in dem Masse möglich gewesen ohne meine Assistentin und Reisebegleiterin Linda. Als Betriebswirtschafts-Studentin ist es ja nicht gerade selbstverständlich, vier- bis elfjährige Kinder interaktiv in ein Konzert der Studentenmusik einzubeziehen und zu begeistern. Genau das ist ihr aber gelungen. Sie hat vor der Tournee eine Spielstübli-Gruppe und mit meinem Sohn zusammen den Kindergarten und den Musikchindsgi besucht und dabei ganz offensichtlich das nötige Rüstzeug für diese Aufgabe geholt. Die Kinder bekamen Informationen zur Musik, zu den Instrumenten und wurden auch ins musikalische Geschehen aktiv miteinbezogen. Dafür und für noch mehr danke ich Linda ganz besonders. Im Bericht des EA vom 29. April über unsere Reise heisst es, dass dies die siebte Reise sei, die ich „mitorganisiere“. Da haben wir uns bei der Besprechung zum Artikel wohl etwas missverstanden, bei der diesjährigen Tournee stimmt es allerdings. Linda hat so viel organisiert, dass ich diesmal tatsächlich nur als „Mitorganisator“ gelte. Mit ihrem perfekten Englisch hat sie alle Kontakte geknüpft und gehalten, aber auch die ganzen Abläufe durchgedacht und wo nötig korrigiert und verbessert. Als ehemaliges Mitglied der FM weiss sie, was wann wo nötig ist und kennt den Laden ganz genau.
Das Wetter des letzten Konzerttages konnte allerdings auch sie nicht verbessern. Für den Auftritt in den Gunwharf Quays, einem grossen Einkaufscenter, mussten wir die Schlechtwettervariante unter Dach wählen. Nach 20 Minuten wurde unser Konzert allerdings gestoppt, die Lärmbelästigung für die einzelnen Shops sei zu gross… Von einer gedeckten Terrasse aus spielten wir dann noch eine weitere Stunde, allerdings etwas gar weit vom Publikum entfernt.
Zum letzten Mal wurde dann unser Materialbus gepackt und Chauffeur Werni schlängelte sich mittlerweilen routiniert durch den englischen Linksverkehr.
Gegen Abend wurde der Wind zum Sturm und die paar Tropfen vom Nachmittag verdichteten sich zu Bindfäden, so dass der letzte Auftritt abgesagt werden musste. Wir hätten in der Fussgängerzone von Fareham, einer Nachbarstadt von Portsmouth gespielt. Was aber trotzdem stattfand, war das gemeinsame Nachtessen im Hotel; deshalb erwähnenswert, weil es wohl einen Tiefpunkt unsere Reise darstellte und einen tiefen Blick in die englischen Kochtöpfe erlaubte! Nicht nur Lorenz, auch mich würde es interessieren, wie man Gemüse zubereitet, dass es nach gar nichts mehr schmeckt, von der dazu servierten Schuhsohle ganz zu schweigen. Gerettet hat uns dann allerdings die erstaunlich gute Eiscreme. An diesem Abend hatte auch ich endlich etwas Zeit, mit der FM in der Hausbar etwas zusammenzusitzen und die freien Stunden zu geniessen. Und das ist auch wichtig, sich ausserhalb des Schulalltags besser kennen zu lernen.
Nicht nur der Linksverkehr war für die meisten von uns ungewohnt. Es gab auch noch anderes, das erstaunte oder doch verwunderte. Da waren zum Beispiel die Sicherheitsvorschriften im Autobus. Wie im Flugzeug wurden alle Passagiere mit den Notausgängen (Fenster) und dem Standort des Feuerlöschers und der Bordapotheke vertraut gemacht. Angurten ist auch im Bus obligatorisch, das Durchsetzen hängt allerdings vom Chauffeur ab. Klar durchgesetzt wird dafür die Alkohol-Gesetzgebung. Unter 18 Jahren gibt’s nichts und das wird auch kontrolliert (im Zweifelsfall wird der Ausweis verlangt). Also etwas anders als bei uns, wo fast jeder Kindergärtler ein Bier kaufen kann, obwohl auch wir eine entsprechende Gesetzgebung hätten. Und Elena setzte auch meine Forderungen durch und schickte die jüngeren FM-Mitglieder um 23 Uhr ins Bett!
Leider kennt England keine Gesetze, die einen gewissen Minimalstandard in der Kochkunst verlangen! Allerdings gibt es phantastische indische, chinesische, mexikanische oder spanische Restaurants in Portsmouth.
Nicht nur die Mitglieder des Leitungs-Teams verdienen einen grossen Dank, sondern auch das Komitee der FM. Mit grossem Verantwortungsgefühl nahmen alle ihre Aufgaben wahr, insbesondere unser Materialverwalter Lukas.
Mir ist bewusst, dass dieser Reisebericht nur meine Sicht zeigen kann. Jede und jeder hat die Zeit in England etwas anders erlebt!
Was für mich auch diesmal wieder ganz extrem war: einer langen Vorbereitungszeit (8 Monate) steht die kurze Zeit der fünftägigen Konzertreise gegenüber und da stellt sich natürlich die Frage, ob sich so ein Unternehmen lohnt, ob das Sinn macht. Wenn ich an die strahlenden und interessierten Kinder in den vier Schulen zurückdenke, muss ich sagen, ja!

Marcel Schuler


POST-POSTSKRIPTUM

Als ich ein paar Monate nach Vermittlung meines Kontaktes in Portsmouth von Marcel gefragt wurde, ob ich bereit sei, auch etwas weiter zu helfen und auch neue Kontakte zu knüpfen, habe ich ohne viel zu überlegen eingewilligt. Bald nach einigen britischen E-Mails merkte ich, wie sich meine Vorstellung von „etwas übersetzen und helfen“ auf „telefonieren“, „Informationen nachjagen“, „Sachen berichtigen“, „Schlafplatz suchen“ u.v.m. ausweitete. Es brauchte viel mehr als ich gedacht hatte! Da die Reko-Reise in meine Semesterferien fiel, brauchte es nicht allzu viel Überredensarbeit, bis ich einwilligte. Und in England merkte ich dann selbst (auch mit einigen Lachern), dass das Englisch von Marcel nicht ausreichte, auf der Tournee durchzukommen, geschweige denn, die Konzerte zu kommentieren. Also verschrieb ich mich voll und ganz der Sache.
Bereut habe ich es nicht. Ich wurde von den FM-lern freundlich wieder aufgenommen und respektiert, übersetzte wacker überall und alles, wobei ich bei den Safety-Talks im Bus froh war, dass der Chauffeur mich nicht verstand. Er wunderte sich einfach, wieso alle sich so amüsierten, als ich erklärte, wo die Notausgänge sind. Einige Male liess ich das Übersetzen aber lieber bleiben, es war herrlich zu betrachten, wie der Security-Mann im Flughafen Pater Roman erklären wollte, dass er seine Schuhsohlen zeigen sollte.
Gewisse Sätze und Sprüche wurden ohne weiteres verstanden, worauf Gelächter folgte und/oder pantomimische Drohungen gegen mich fielen. Noch heute hoffe ich, dass einige meiner Witze nicht in den FM-internen Thesaurus eingehen werden.
Andere Male konnte ich - soviel ich es auch wollte - nicht übersetzen. So die Bitte beim letzten Konzert, „the old guy with the duck“ zu verschieben, um den Lift für Passanten freizuhalten. Als ich realisierte, was gemeint war, lachte ich schallend: Pater Roman hielt gerade das Maskottchen im Arm und stand hinter unserer Truppe, da für seinen E-Bass kein Strom da war.
Abschliessend war es für mich mehr als eine interessante Erfahrung, die andere Seite einer Tournee zu erleben. Ich bewundere Marcel, der das Ganze sonst alleine organisiert und betreibt und kann mir fast nicht vorstellen, wie das möglich ist. Denn: egal, ob es sich lohnt oder nicht, der Aufwand bleibt gleich hoch! Doch auch ich würde die Frage mit Ja beantworten. Und wenn das Essen im nächsten englischsprachigen Land besser ist, wird meine anfängliche Entscheidung wieder gleich ausfallen!

Linda Morgenthaler