Konzerttournee der Studentenmusik vom 29. April bis 3. Mai 2002 nach Paris

„Sie sind verrückt! Sie wollen wirklich mit einem Buschauffeur aus dem Kanton Schwyz nach Paris kommen und hier herumfahren?“ Das sagte mir jemand in Paris, als ich ihm erzählte, was ich im Sinn habe. In etwas anderem Zusammenhang schrieb mir jemand: „Keiner ist so verrückt, dass er nicht noch einen Verrückteren findet, der ihn versteht.“
Oft kam es mir wirklich als Verrücktheit vor, diese Konzertreise nach Paris auf Biegen und Brechen auf die Beine zu stellen. Beim ersten Versuch vor einem Jahr bin ich gescheitert und trotzdem hat diese Konzerttournee schlussendlich stattgefunden.
Ich möchte in diesem Bericht nicht die vielen Mühseligkeiten der Vorbereitung, sondern das Resultat beschreiben.
Wie schon letztes Jahr begann die Tournee mit einer Probe am Vortag der Abreise. Nach zwei Wochen ohne gemeinsame Probe mussten wir uns in zwei Stunden wieder in Form bringen, damit wir mit gutem Gewissen vor unser Publikum treten durften. Das Ergebnis war sehr ermutigend und so konnte ich in Ruhe den Morgen der Abreise abwarten.
Pünktlich um 06.15 chauffierte also ein weiterer Verrückter seinen komfortablen zweistöckigen Reisebus hinter das Theater. Zusammen mit ihm würden wir die 720 km nach Paris unter die Räder nehmen, täglich ein bis zweimal den Place de l’Étoile (Arc de Triomphe) mit seinem für Nicht-Pariser erschreckenden Kreiselverkehr durchqueren und an allen möglichen Orten legal und illegal parken.
Was mein Namensvetter Marcell (mit zwei „l“) Schuler in den nächsten Tagen am Steuer leistete, war phantastisch! Er meisterte die unmöglichsten Situationen wortwörtlich mit dem kleinen Finger am Steuer, so dass P. Roman nun überzeugt ist, dass es überhaupt keine Kunst ist, dieses vier Meter hohe mit 500 PS bestückte Vehikel zu lenken und er sich nun auf die Car-Prüfung vorbereitet. Die ersten Fahrstunden hat er bereits in Paris erhalten. Er weiss, wie man den Motor startet (abstellen wird dann in einer der nächsten Lektionen folgen), wo die Hebel für die Heizung sind und was alles im Kühlschrank vorhanden ist (war).
Nach gut elf Stunden Fahrt sind wir in unserem Hotel in Saint Germain-en-Laye ca. 20 km westlich von Paris angekommen.
Der Dienstag brachte unseren FM-lerinnen und FM-lern den ersten direkten Kontakt mit Paris. Um einen kleinen Überblick über diese riesige Stadt mit ihren etwa 14 Millionen Einwohnern zu schaffen, machten wir am Nachmittag eine stündige Schifffahrt. An wenigen Orten wirkt Paris so romantisch wie auf der Seine.
Am frühen Abend sollte das erste Konzert im Conservatoire Jacques Ibert stattfinden. Ohne allzugrosse Schwierigkeiten fanden wir mit unserem Bus einen freien Platz auf dem Radstreifen vor dem Conservatoire…
Dass drei Minuten vor dem vorgesehenen Konzertbeginn erst 15 Personen im Zuhörerraum waren, frustrierte uns natürlich ein wenig, aber 20 Minuten später war dann die Aula recht anständig besetzt und wir konnten den Kampf mit der trockenen Akustik des Saales aufnehmen. Da sind unsere Musikerinnen und Musiker über sich selbst hinausgewachsen und haben mit unheimlicher Konzentration eine so gute Leistung gezeigt, dass sowohl der Direktor des Konservatoriums als auch die Vertreterin des 19. Arrondissements von Paris uns am liebsten schon im nächsten Jahr wieder einladen würden. Mme Forestier, die stellvertretende Bürgermeisterin, hat dann unserem Chauffeur den Busszettel aus der Hand genommen mit der Bemerkung, da wir so gut gespielt hätten, würde sie das schon erledigen…
Zu meinen französischen Konzert-Kommentaren meinte ein Zuhörer, dass ich viel besser französisch spreche als die meisten Franzosen deutsch. Ich fasste es nicht unbedingt als Kompliment auf und antwortete: „j’ai compris“.
Schon vor der Konzertreise drückten mich die Sorgen um den 1. Mai. Ich hatte die Bewilligung erhalten, am Nachmittag hinter Notre-Dame ein Ständchen zu geben. Also der ideale Ort zum idealen Zeitpunkt. Nur hatte ich nicht mit dem Resultat des ersten Wahlganges der Präsidentschaftswahlen gerechnet! Die Gefahren für uns wurden zwar sowohl von der Schweizer Botschaft als auch von der Pariser Polizei für unbedenklich erachtet, allerdings konnte mir niemand eine Bewilligung erteilen, unser Material mitten in die Stadt zu führen. Es wurden ganz massive Demonstrationen erwartet und die ganze Innenstadt abgesperrt. Um unsere Bläserinnen und Bläser nicht zur Teilnahme an den Demonstrationen zu ermutigen, musste ich mir in kürzester Zeit ein Alternativ-Programm einfallen lassen. So besuchten wir das Château de Saint Germain-en-Laye. Hier wurde Louis XIV. geboren und heute ist im Schloss die weltweit wichtigste Gallorömische Sammlung untergebracht. Den Nachmittag verbrachten wir dann im Schlosspark von Versailles.
Zwei Höhepunkte waren für den Donnerstag vorgesehen. Der Besuch in der Schweizer Botschaft und der Auftritt im Lycée Carnot.
Das Wetter war nicht gerade ermutigend, als wir am Morgen wegfuhren – es goss wie aus Kübeln - und schon bald meldete sich auf meinem Natel Madame Chollet, die Kulturbeauftragte der Botschaft, wie ich das mit unserem Auftritt sehe. Ich meinte, dass das kein Problem sei, bei uns sei es völlig trocken – wir fuhren gerade durch den Tunnel unter La Défense. Und tatsächlich, das Unwahrscheinliche geschah und wir spielten unser Ständchen im Hof der Botschaft unter einigermassen blauem Himmel zur Freude von Botschafter Bénédict de Tscharner und seiner Gattin und der Botschaftsangestellten.
Hochinteressant, was uns der Botschafter beim anschliessenden Apero in den altehrwürdigen Empfangsräumen über das Haus und seine eigenen Aufgaben zu berichten wusste. Ohne Ausweichen beantwortete er auf äusserst sympathische Art und Weise die gestellten Fragen.
Den freien Nachmittag nützten viele, um endlich Paris vom Eiffelturm aus zu betrachten.
Mit Gustave Eiffel machten wir am Abend nochmals indirekt Bekanntschaft. Die Halle des Lycée Carnot – an dieser Schule bestand einst Jacques Chirac seine Matura – hat Eiffel mit einer Stahl-Glas-Konstruktion überdacht. Nach dem natürlich wieder illegalen Parken des Busses (wie sollte es in dieser von Autos verstopften Stadt anders möglich sein) richteten wir uns im Saal ein und waren erst einmal erschlagen von der halligen Akustik des Saales. Für uns Ausführende eine brutale Klangmasse, für die Zuhörer aber doch erstaunlich differenziert.
Der Rektor des Gymnasiums hat sich wahnsinnig Mühe gegeben, für uns Werbung zu machen und er war überzeugt, dass bestimmt 400 Zuhörerinnen und Zuhörer zu unserem Konzert kämen. Aber eben, auch er hat nicht mit Le Pen gerechnet! Die Franzosen waren in der Mehrheit wirklich geschockt über dieses Wahlresultat und dieser Schreck hat sich dann auch auf den Konzertbesuch ausgewirkt. Nur wenige hatten offenbar während dieser Woche Lust, ein Konzert zu besuchen. Das demokratische Frankreich wirkte schockiert und verwundet.
Umso herzlicher wurde dann von den Anwesenden unsere Leistung applaudiert und die Zugaben trotz unangenehmer Kälte im Saal mit einer Standing Ovation entgegengenommen. Mir ist es auf meinen Tourneen nie passiert, dass so viele Zuhörerinnen und Zuhörer nach dem Konzert so spontan auf mich zukamen und sich begeistert über unser Musizieren äusserten.
Und zu Recht, muss ich sagen. Unsere Musikerinnen und Musiker haben wirklich eine tolle Leistung in diesen Konzerten vollbracht.
Nicht nur musikalisch ist die Studentenmusik aufgefallen, sondern auch durch ihr Verhalten. Mehrfach durfte ich hören, dass unsere jungen Leute ausserordentlich anständig seien. Die Hilfsbereitschaft – alle packen mit an, wenn es darum geht, das Material herumzuschleppen (allerdings empörte sich unser Chauffeur Marcell zu Recht, dass die Mädchen immer die grössten Kisten herumtragen) -, der Umgangston und die gegenseitige Toleranz sind wirklich auffallend.
Dann auch das Interesse am Neuen! Besonders die unteren Klassen nützten jede Gelegenheit, Paris zu erkunden. So machte sich am Donnerstagmorgen gleich eine Gruppe von 13 Bläserinnen und Bläsern schon morgens um 07.20 auf den Weg, um noch möglichst viel von Paris zu sehen vor dem Auftritt in der Botschaft. Um trotzdem den Kontakt zu meinen Schäfchen immer zu halten, war das Natel ein unverzichtbares Werkzeug.
Die Studentenmusik ist ja eine der wichtigsten Möglichkeiten an unserer Schule, über die Klassen hinweg Kontakte zu knüpfen. Es war lustig zu sehen, wie gerade die ältesten Schülerinnen den Kleinsten in den Abendausgang mitgenommen haben. Prompt kam schon am ersten Abend ein Anruf auf mein Natel, ob unser Schlagzeuger Mathias – er ist in der ersten Klasse – noch etwas länger als ich das im Programm erlaubt habe im Ausgang bleiben dürfe. Er durfte. Ich glaube sogar, dass er diese verlängerten Abendausgänge besser überstanden hat als seine älteren Begleiterinnen.
Und dass ich selbst diese Konzertreise so gut überstanden habe ist nicht nur der Liebenswürdigkeit und Disziplin der jungen Leute, sondern auch dem begleitenden Team zu verdanken. Die Lachmuskeln wurden oft schon beim Frühstück arg strapaziert. Was ich im Voraus vermutete und erhoffte, hat sich dann als richtig herausgestellt: ein Leitungsteam, das sich versteht, sich gegenseitig stützt und mit viel Humor das Zusammensein zum unvergesslichen Erlebnis macht.
P. Roman findet nicht nur als Begleitperson, sondern auch als Mitglied der Studentenmusik – als Bassgitarrist - nach wie vor mühelos den Draht zu den jungen Leuten. Abgesehen davon ist seine Erfahrung von unschätzbarem Wert. Ruth Oswald, die uns zum zweiten Mal auf eine Tournee begleitet, kennt mittlerweilen sowohl die Eigenheiten der Studentenmusik als auch des Leiterteams und ihre Energie und Präsenz hat sehr zum guten Gelingen beigetragen. Nicht einmal gewisse Widrigkeiten in ihrer Unterkunft konnten ihre gute Laune verderben. Wie sie das Problem mit dem Reise-Fön mit kurzem Stromkabel und der einzigen im Zimmer vorhandenen Steckdose – blöderweise 10 cm über dem Fussboden gelegen – gelöst hat, weiss ich nicht. Auf jeden Fall schaffte sie es, ihre Haare zu trocknen. Und warum ihr Fernseher nur dann funktionierte – falls überhaupt – wenn sie im Bett lag, wird wohl immer ein Rätsel bleiben.
Marcell (mit zwei „l“) Schuler erwähnte ich im Programm nicht nur als Chauffeur sondern frecherweise gleich als Mitglied des Leitungsteams; und das war richtig so. Er erwies sich nicht nur als gewiefter Fahrer, sondern wirkte auch bei allen Entscheiden mit und trug viel zur gelösten Stimmung bei. Und abgesehen davon weiss ihn P. Roman als Fahrlehrer zu schätzen… Nur einmal hat er das Handtuch geworfen, und zwar in Richtung Badezimmertüre, als das Wasser beim Duschen sein Zimmer zu überfluten drohte. Obwohl unsere Unterkunft sehr gut war, auf den Luxus eines Duschvorhangs hatte die Hotelleitung verzichtet.
Nicht nur die Mitglieder des Teams verdienen einen grossen Dank, sondern auch das Komitee der FM. Mit grossem Verantwortungsgefühl nahmen alle ihre Aufgaben wahr, insbesondere unsere Kapellmeisterin Andrea.
Dass für die meisten dieser Aufenthalt in Paris viel zu kurz war, ist verständlich und ich bin überzeugt, dass viele diese riesige und grossartige Stadt wieder besuchen werden; auch ich! Die Tourismusbranche wird es uns danken…
Mir ist auch bewusst, dass dieser Reisebericht nur meine Sicht zeigen kann. Jede und jeder hat die Zeit in Paris etwas anders erlebt, aber in einem stimmen wir mit Sicherheit überein: es war ein ganz tolles und positives Erlebnis!
Und wer immer noch nicht genug von uns, aber einen Zugang zum Internet hat: www.studentenmusik.ch

Marcel Schuler


POSTSKRIPTUM

In vorgerücktem Alter beginnt man zurückzudenken und Erlebtes zu glorifizieren. Ich versuche täglich dieser Senioren-Träumerei zu entflie­hen.
Wenn aber mein Freund und Nachfolger Marcel ein Postskriptum wünscht, erlaube ich mir 2 Punkte zu erwähnen:
1. Das Überraschende auf der Tournee „Paris 02“ war für mich der Umgang der 30 Bläserinnen und 20 Bläsern mit dem 82-jährigen E-­Bass-Zupfer. Ich fühlte mich in der Sousaphonreihe von Reto, Lukas und Marc angenommen. In meiner Zelle habe ich nach der Tournee einen kleinen grünen Zettel an die Wand geklebt: Billet für das Bähn­chen im Schlosspark von Versailles: 5,10 EURO. 6 Bläserinnen hatten mich im Park überfallen und luden mich zu einer Fahrt ein. Das ist ein Unikum in meiner FM-Geschichte. Diese Einladung hat alle meine Bedenken, in der FM weiterzuzupfen ausgeräumt.

2. Ein interessanter Programm-Vergleich 1985 / 2002
a) Anschlag 1985 am Kloster-Mitteilungsbrett („Klagemauer“): „99 Jung-Einsiedler und 1 Rentner sind 6 Tage auf das Gebet der Klostergemeinschaft sehr angewiesen. Merci „PR“
b) Aus dem Elternbrief 1985: Hier die Pauschal-Offerte des Reise­büros Mittelthurgau Winterthur:
Bahnfahrt 2.Klasse in direkten Wagen ab Einsiedeln nach Paris und zurück / Anschlussextrazug Thalwil-Zürich / IC-Zuschlag auf der Hin- ­und Rückfahrt / Transfer mit Autocars Bahnhof-Hotel und zurück / inklusiv Extra-VW-Bus für das Grossmaterial / Stadtrundfahrt mit zwei Führern / Busfahrten zu den Konzerten in die Stadt, nach Versailles, Beauregard und Rueil-Malmaison / Unterkunft in Mehrbettzimmern und Frühstück / Miete des Instrumentenmagazins im Hotel Leo La­grange; Reisekosten = 393.- Sfr.
Dazu kommt die Verpflegung für 5 Tage: 6 Hauptmahlzeiten à 12.­- Sfr. plus 2 Lunch-Verpflegungen durch "Le petit quin-quin", Paris, à 9.- Sfr. Für die Hinreise decke ich mich mit Proviant aus der Kloster­küche ein, die Tranksame stiftet Alt-Feldmusikant Alois Gmür, Brauerei Rosengarten Einsiedeln. / Gesamtkosten PARIS OSTERN 1985 = 483.- ­Sfr.
c) Konzerte: Montag, 15.April 85: 14.00 Konzert auf dem CHAMP DE MARS / 15.30 Konzert im Jardin des CHAMPS-ELYSEES / Dienstag, 16.April: 09.30 Konzert im Cour de Marbre du CHATEAU DE VERSAI­LLES / 15.00 Konzert vor dem CHATEAU DE BEAUREGARD / Mitt­woch 17.April: 15.30 im PARK der Firma SANDOZ / 20.45 Galakonzert im THEATRE ANDRE-MALRAUX für das Collège in Passy-Buzen­val und für Rueil-Malmaison.

Pater Roman Bannwart