Konzerttournee der Studentenmusik vom 27. April bis 3. Mai 2000 nach München

Vieles war auffällig und manches anders auf der diesjährigen Reise der Studentenmusik im Vergleich zu anderen Jahren. Das hat schon damit begonnen, dass wir nach längerer Zeit wieder einmal mit dem Bus gereist sind und uns nicht durch die Lüfte zu unserem Ziel schwangen.
Um 9 Uhr am Donnerstagmorgen war der Doppelstöcker-Bus des Carunternehmens E.Schuler aus Feusisberg hinter dem Theater zum Beladen bereit und schon 40 Minuten später starteten wir Richtung München. Dies die erste Auffälligkeit: wir sind zu früh. Das lag einerseits an den Transportunternehmen, die uns betreuten und anderseits am engagierten Anpacken der jungen Leute.
Dass der komfortable Reisebus nebst WC und 500 PS auch noch eine Videoanlage hatte, bemerkten einige schon vor der Abfahrt und organisierten noch schnell ein paar Filme, so dass die Fahrt nach München für viele sehr kurz wurde. Etwas länger kam sie P.Roman vor, da er direkt unter einem Lautsprecher sass, aber keinen Bildschirm vor sich hatte.
Beeindruckt hat uns die überlegene und sichere Fahrweise unseres Chauffeurs, der sich mir bei seiner Ankunft am Morgen lachend mit seinem Namen vorstellte: Marcel Schuler!
Kurz vor München tauchte das erste kleine Problem auf (grössere gab es zum Glück gar keine). Mein Natel, mit dem ich unsere Ankunft mitteilen wollte, damit wir offene Türen finden, um unser Instrumentarium im Klenze-Gymnasium zu deponieren, wo geprobt werden sollte, meldete mir, dass ich keinen Zugang zu diesen Nummern habe. Dank grosser Natel-Dichte in unserem Team war diese Schwierigkeit sehr schnell gelöst und bis am Abend kam auch mir wieder in den Sinn, mit welcher speziellen Zahlenfolge ich mein Natel-Easy auch im Ausland gebrauchen kann.
Trotz viel zu früher Ankunft in München tauchte Herr Leisch, der ehemalige Direktor des Klenze-Gymnasiums, sehr bald auf, begrüsste uns in seiner offenen und herzlichen Art und öffnete uns die Türen.
Die Hälfte unseres Teams begab sich zu Fuss ins nahe Hotel und die anderen fuhren weiter zur Jugendherberge Burg Schwaneck in Pullach. Dass die Burg erst 1843 von einem Münchner Bildhauer erbaut wurde, wollten einige nicht so recht glauben, sieht sie doch zum Teil fast echt alt aus. Wirklich alt ausgesehen habe eher ich selber nach der zweiten Nacht. Vor der Reise erwähnte ich immer wieder die strengen Hausregeln und wir alle mussten feststellen, dass sich nicht einmal die Herbergsleitung daran hielt.

Freitag - erster Probetag. Im Programm habe ich geschrieben: "Wecken geschieht nicht durch das Team. Jede und jeder ist dafür verantwortlich, am Morgen rechtzeitig aufzustehen." Aber wer weckt das Team? Nach ein paar Nächten haben dann offenbar auch Marlies, unsere Posaunen- und Pia, unsere Saxophonlehrerin, einen Wecker gefunden.
Im Klenze-Gymnasium begann nun die Probenarbeit in Gesamt- und Registerproben. Schon nach kurzer Zeit tauchte in Motorradhelm und Lederjacke, gerade seiner im Schulhof parkierten Harley entstiegen, der Musiklehrer des Klenze-Gymnasiums auf und wollte nachsehen, was wir aus seinem toll eingerichteten Musikzimmer gemacht haben. Als er unseren Bassgitarristen sah, meinte er, dass wir in der Schweiz doch sehr langdauernde Langzeitgymnasien hätten! Dr. Grätz bot am letzten Tag, als wir unser Material wieder abholten, ein ganz anderes Bild. Mozartklänge im Rücken stand der Rockmusiker im Anzug in der Tür des Musikzimmers und erstaunte damit unsere FMler(-innen).
Am Freitag, am Samstagnachmittag und am Montag wurde intensiv geprobt. Jedes Register hatte seinen Leiter oder seine Leiterin. Dass unser Arzt Dr. med. Erwin Oechslin sich nicht nur mit Herzklappen, sondern auch mit Ventilen und Posaunenzügen auskennt, hat vielleicht einige etwas erstaunt. Karin und Marlies, die in Luzern Musik studieren, betreuten ihre Instrumentengruppen (Klarinette und Posaune), während Beda (HSG St.Gallen) die Schlagzeuger durch das Rhythmengestrüpp führte. Mein Freund und ehemaliger Schüler Michael Hess (von Beruf Historiker) hat seine Wette schlussendlich gewonnen und es doch erreicht, dass unser Hornist Lorenz bis zum Schluss in den Proben nebst den Worten "ja" oder "nein" doch noch einen vollständigen Satz von sich gab.
P.Roman gab sein Wissen als Militär-Tenorhornist weiter (seit ein paar Jahren ist er das allerdings nicht mehr), während ich meist mit den Flöten probte.
Ich habe gestaunt über die Energie und den Willen und vor allem die Disziplin, mit der unsere jungen Leute (die meisten) in den doch recht vielen Probestunden gearbeitet und auch entsprechend etwas erreicht haben und so war der freie Sonntag verdient.
Über die Kulturbeflissenheit einiger unserer Bläserinnen und Bläser habe ich wirklich gestaunt. Voller Begeisterung erzählten sie mir über die gesehenen Meisterwerke in der Alten und Neuen Pinakothek. Viele haben natürlich das Deutsche Museum besucht und sich von den technischen Exponaten begeistern lassen, während sich die älteren Teammitglieder bei Weisswürsten und einem ausgedehnten Spaziergang im Englischen Garten erholten.
Am Sonntagabend stiess auch unsere Flötistin Kathrin zu uns, die wegen Krankheit am Donnerstag nicht mitreisen konnte, so dass die FM nun fast vollständig in München war. Eine Klarinettistin musste leider krankheitshalber zu hause bleiben. Dass sich unser Saxophonist Raphael so gut von seiner Blinddarmoperation erholt hat, ist vielleicht einer von unserem Arzt verschriebenen Bierkur zuzuschreiben, aber darüber bekam ich wegen des Arztgeheimnisses keine Auskunft.

Seit Samstag wohnten wir nun im Jugendgästehaus München mit seinen 350 Betten. Strikte achtete hier der Sicherheitsdienst auf die Nachtruhe, leider aber weniger auf die Finger von Carmen. Fachfrauisch inspizierte unsere Technikerin ihre Bettlampe und stellte dabei schlagartig (wörtlich zu nehmen!) eine beschädigte Installation fest. Mit blossen Händen entdeckte sie das 220-Volt-Leck. Das Problem habe ich der Herbergsleitung mitgeteilt; die Lampe wird umgehend repariert.

Dienstag – Konzerttag. Ich stehe schön früh auf, damit ich mich in einer der wenigen Duschen für den Tag frisch machen kann. Da habe ich mich aber schön verrechnet. Ich war nicht der erste, sondern offenbar so ziemlich der letzte Aufsteher an diesem Morgen. Die ganze FM schon fit und munter. Eine Etage höher habe ich dann doch noch eine freie Dusche gefunden. So wenig erfreulich wie die Duschsituation war, zeigte sich im Gegenteil die Disziplin unserer jungen Leute. Topfit (man beschränkte sich offenbar auf einen Kinobesuch am vorangegangenen Abend und ging anschliessend zu Bett) waren alle (wieder etwas zu früh) beim Klenze-Gymnasium, um das Material in den überlangen Sittenauer-Bus zu verladen, um zum Studienkolleg des Freistaates Bayern zu fahren und dort ein halbstündiges Ständchen zu geben. In der Schule begrüsste uns die Direktorin, Frau Leisch (sie ist die Gattin des ehemaligen Direktors des Klenze-Gymnasiums) in ihrer herzlichen und energievollen Art. 320 Studentinnen und Studenten aus 51 Ländern hörten uns begeistert zu und viel zu schnell mussten wir uns zum nächsten Konzertort, dem Klenze-Gymnasium begeben. Unsere dortigen Zuhörerinnen und Zuhörer waren etwas unterschiedlich begeistert. Die Musiklehrer und weiteren Lehrkräfte fanden unsere Leistung echt toll, die Schülerinnen und Schüler zum Teil ebenso und einige fühlten sich in ihren Gesprächen offenbar von uns gestört.
Erholen konnten wir uns bei einem sehr, sehr, sehr reichlichen Mittagessen im Restaurant "Zum blauen Stern", wo uns dann P.Roman verliess. Er reiste mit dem Zug nach Einsiedeln zurück, da er am Mittwoch in Luzern wieder zu unterrichten hatte und pflichtbewusst wie er ist, lässt er natürlich keine Minute ausfallen.
Vor dem dritten Konzert machten wir noch einen Abstecher zum Schloss Nymphenburg, wo wir die grossartigen Parkanlagen geniessen konnten, mich aber einige dunkle Wolken etwas zu beunruhigen begannen und prompt kamen die ersten Tropfen kurz vor dem Aussteigen am dritten Konzertort, der Münchner Fussgängerzone. Allzu schlimm war es noch nicht und alle packten einmal mehr kräftig an und schleppten das ganze Material zum Richard-Strauss-Brunnen. Wiederum war alles in Rekordzeit aufgestellt und wir begannen das Konzert eine Viertelstunde zu früh. Nach drei Stücken kam auch nicht mehr der kleinste Tropfen vom Himmel (das Gebet von P.Roman im Zug tat seine Wirkung), dafür trat unser Schlagzeuglehrer Beda zu mir und meldete mir den Besuch eines verkleideten Polizisten, der wissen wollte, ob wir denn wirklich hier spielen dürfen. Wir durften! Dass wir etwas zu früh mit dem Konzert begonnen hatten, machte dem jungen Mann im blauen T-Shirt nichts aus, aber auch er staunte, dass wir die Erlaubnis für dieses Konzert bekommen hatten; es gibt nämlich an diesem idealen Ort in der Fussgängerzone nur zwei Bewilligungen jährlich! Wir durften nicht nur spielen, sondern auch einen Trompetenkoffer hinlegen, der nach einer Stunde 284 DM und Fr. 1.20 enthielt. Zum Gaudi aller sortierte ein Kleinkind die Münzen im Koffer immer wieder neu.
Leider hat unser Trompeter Jonas seine Sonnenbrille vergessen; die am Morgen kunstvoll gestylte Frisur hätte damit noch mehr gewirkt.
Dieses stündige Konzert hat nicht nur den Zuhörern sondern auch uns unheimlich Spass gemacht und am liebsten hätten wir noch weiter gespielt, aber das erarbeitete Repertoire war am Ende und einmal mehr packten wir unser Zeug zusammen und schleppten es zum Bus, dessen Fahrer sich wiederum begeistern liess von der flinken Arbeit unserer jungen Leute.

Der letzte Abend, die letzte Nacht in München lag nun vor uns. Aus der Erfahrung der letzten Tage durfte ich mich darauf verlassen, dass die jungen Leute auch das im Griff hatten. Einmal mehr zeigte sich eine weitere Auffälligkeit dieser Reise: Man ging nicht in kleinen Gruppen aus, sondern man vergnügte sich im grösseren Verband über die Klassengrenzen hinaus und blieb zusammen. Das Team traf sich im Donisl, einer typisch bayrischen Gaststätte. Nachdem der dortige Akkordeonist sich genügend Mut angetrunken hatte, setzte er sich an unseren Tisch und wollte uns etwas vorspielen. Das "Vo Luzärn gäge Wäggis zue" gelang nicht so ganz, trotz unsere Hilfe. Auch glaubte er nicht so ganz, dass Erwin Schreiner und Michael Weichenwärter von Beruf sind. Wir haben offenbar seine Menschenkenntnis unterschätzt. Er meinte: "Da sitzen Musiker am Tisch, wahrscheinlich sogar Pianisten, ihr verarscht mich!"

Der letzte Morgen lief ziemlich ruhig ab. Die Bewegungen einiger waren etwas langsamer als sonst, aber trotzdem klappte fast alles wie am Schnürchen. Wenn ich Vera und Esther nicht zur Bank geschickt hätte, um unsere Kollekte zu wechseln, hätte sogar die Schlüsselabgabe zur Zeit stattgefunden. Aber dafür können die beiden wirklich nichts. Weder sie noch ich haben damit gerechnet, dass das Münz auf dieser Bank noch mühsam von Hand gezählt wird. Aber trotzdem – wir waren wieder zu früh! Um 9.45 starteten wir in München und nachmittags um 15 Uhr war das ganze Material schon wieder in Einsiedeln versorgt und die ersten schon fast zu hause.

Nebst dem musikalischen Resultat waren für mich die Disziplin, der Teamgeist und die Hilfsbereitschaft die auffälligen Merkmale dieser München-Reise. Sicher ist das dem guten Geist der diesjährigen Maturaklasse, aber bestimmt auch dem Komitee unter der Führung unserer Kapellmeisterin Maja und schlussendlich jedem einzelnen zuzuschreiben.
Ich bin sehr erfreut über diesen Aufenthalt in München und stolz auf die musikalische, aber vor allem auf die menschliche Leistung meiner Studentenmusik.

Marcel Schuler


Fussnoten des FM h.c. Seniors zu Marcel's Reisebericht

Ich gehörte zum 8er-Team, das die Registerproben übernahm und in den Gesamtproben aktiv mitwirkte. Das war ein Novum, eine Glanzidee des Leiters und Organisators Marcel Schuler. Unser langjähriger, verdienter Tournee-Arzt Dr. Erwin Oechslin meldete sich für 7 Tage beim Unispital ab und übernahm das Trompetenregister. Als führender und verantwortungsbewusster Posaunist der Harmoniemusik Egg brachte er es auch fertig, Samstag früh mit dem München-Zürich IC zur Probe in Egg zu fahren, da das Kantonale Musikfest bevorsteht. Sonntag Abend meldete er sich bei uns zurück und brachte die Flötistin Kathrin mit.
Gut, dass Erwin sein Natel bei sich trug, jeden Tag wurde er vom Unispital gesucht. Als 'Natelisten-Gegner' musste ich einsehen, dass ein Natel auch seine guten Seiten hat, besonders bei Herzspezialisten im Ausland.
Auch die anderen Team-Mitglieder brachten für die FM 'Opfer': Karin und Marlies verzichteten auf drei Unterrichtstage am Konsi Luzern; als Lehrer an der gleichen Musikhochschule konnte ich brieflich den Rektor wegen der Absenzen beruhigen. Die Geschwister Pia und Beda mussten die ETH und die UNI St.Gallen im Stich lassen. Michael nahm Urlaub in der Bank und der Einsiedler Choralmussolini hatte nach fünf neumenlosen Tagen Entzugserscheinungen.

Donnerstag sind wir mit einem Doppelstock-Bus weggefahren. Das weckte in mir, wie könnte es in meinem FM-Alter anders sein, Erinnerungen an die einzige Doppelstock-Busfahrt der FM – die Fahrt nach Würzburg. Im Vergleich zum Schuler-Luxus-Bus war der damalige deutsche Bus eine Bauernstube: Holzbänke und vermutlich Vollgummiräder, vor allem aber zu hoch. Bei der Bahnunterführung an der Zürcher Langstrasse musste der Chauffeur stoppen und umkehren, sonst hätten wir kein Dach mehr über uns gehabt. Der Bus wurde nach der Rückkehr scheint's verschrottet. Doch einen Vorteil hatte die deutsche Rumpelkiste: kein Videoschirm und keine gehörschädigenden Lautsprecher. Erwin fand aber offenbar Gefallen an der modernen Unterhaltungstechnik – fünfmal hat er den Kasten mit seinem wertvollen Kopf begrüsst. Das Nachtessen im Vietnamesischen Restaurant machte manches wieder gut, nicht nur die scharfen Tintenfischresten – auch die kleine Serviererin in langem Weiss meinte es gut mit mir. Ich bestellte als notwendiges Verdauungsmittel einen Wodka. Sie fragte: "Eine Flasche?" Dazu fehlte mir der Mut.

Weisser Sonntag: keine Proben, dafür Gelegenheit zum Gottesdienstbesuch und zu Streifzügen durch das kulturelle München. Ich entschied mich als Kuttenträger selbstverständlich für das erste und kam liturgisch voll auf die Rechnung. St.Margaretha empfing mich 08.30 Uhr festlich in ihrer hohen und schmucken Kirche. Das beruhigte mein schlechtes Gewissen wegen meiner Absenz in Einsiedeln, wo zu gleicher Zeit Choral ohne Leithammel gesungen wurde – "Gott sei Dank" werden meine Mitbrüder gedacht haben.
Was ich in der St.Margrethen Basilika erlebte, übertraf meine Erwartungen: ein feierlicher Gottesdienst mit 12 (!) Ministrant(inn)en, inszeniert wie ein perfektes Schauspiel. Vor dem Einzug erklärte ein junger Mönch in schwarzer Kutte ein Lied, dessen 'Alleluia' im 11.Jahrhundert entstanden sei. Er sang vor – die Gemeinde sang nach. Ich reduzierte meine Stimmstärke, um nicht aufzufallen, wenn ich die Töne nicht treffen würde. Und dann begann die feierliche Liturgie, jeder Schritt, jede Verbeugung mit deutscher Perfektion, aber ruhig und würdig, fast wie in Einsiedeln. Warum "fast"? Zwei Rauchfass-Schwinger arbeiteten von Anfang an bis zur Wandlung, mit Unterbruch während der Predigt des Benediktiners. Zwischen den beiden Schwingern stand ein dritter Ministrant mit dem Weihrauchreservoir in der Hand – er war für den Weihrauch-Nachschub verantwortlich. Das war notwendig, denn die zwei schwangen ihr Silbergefäss mit 180° Grad-Kurven und zwar synchron. Ich wartete vergebens auf einen Zusammenstoss.
Der Zusammenstoss anderer Art geschah nach dem Gottesdienst im 'Augustiner', wo ich endlich meine zwei Weisswürstel bekam und mit einem gehaltvollen Bier mit Marcel, Karin und Michael anstossen durfte.

Abschliessend: mir war nicht nur in der Kirche und im 'Augustiner' wohl, sondern auch in der neu aufgebauten FM. Ich fühlte mich von den Jungen akzeptiert, nicht nur, weil ich zur Zeit Sousaphone mit dem roten E-Bass ersetzen soll: ein positives Zeugnis für unsere Jungen.

P.Roman, E-Bass