Konzerttournee der Studentenmusik vom 26. April bis 1. Mai 2004 nach Luxemburg

Haben Sie gewusst, dass in Luxemburg Luxemburgisch, oder eben Lëtzebuergesch seit 1983 die offizielle Nationalsprache ist? Amts- und Gesetzsprache ist Französisch und Zeitungen erscheinen meist in Deutsch. Bis zum Januar wusste ich nicht einmal, dass es Lëtzebuergesch gibt.
Daat waert schon klappen, loussen mier Holz unpaken! Unter dem Motto dieses luxemburgischen Sprichwortes starteten wir also am Montag, den 26. April mit dem komfortablen zweistöckigen Schuler-Reisebus, um gegen Abend unser 500 km entferntes Ziel zu erreichen.
Im Hotel wurde es in einigen Zimmern etwas eng, weil das Material, welches wir am Dienstag für unser Ständchen auf der Place d’Armes brauchten, in die Zimmer genommen werden musste. Neben dem Sousaphon von Lorenz oder dem Gitarren-Verstärker-Monster von Mark wird wohl kaum mehr viel Platz gewesen sein.
Das Ständchen von 12 bis 13 Uhr war dann auch die einzige Verpflichtung am Dienstag. In dieser Zeit waren die umliegenden Strassencafés und Restaurants voll besetzt und so hatten wir mehrere Hundert freiwillige und unfreiwillige Zuhörer. Den Nachmittag nützten dann die meisten zur Stadtbesichtigung und wir erfuhren so, dass nicht nur die Schweizer Berge aushöhlten und darin Festungen bauten, sondern auch die Österreicher im 18. Jahrhundert, welche Luxemburg damals beherrschten. Die Kasemattengänge im weichen Sandstein waren einst über 40 km lang, heute sind noch 23 km vorhanden und einige Abschnitte kann man besichtigen. Im 2. Weltkrieg fanden hier 35'000 Luxemburger Schutz.
Beim Abendessen fanden wir dann heraus, dass die Hauptmotivation für unseren Chauffeur Marcell Schuler, uns nach Luxemburg zu begleiten, vermutlich die Crème brulée war, die er wohl am liebsten als Vorspeise, Hauptgang und Dessert genossen hätte. Es ging aber auch noch anderen so!
Der härteste Tag war dann der Mittwoch. Vier Konzerte standen auf dem Programm. Am Morgen bestritten wir zwei 45-minütige Auftritte in der École européenne mit ihren 3700 Schülerinnen und Schülern. Die meisten ihrer Eltern sind EU-Beamte und mit der Erweiterung der Union ist mit einer weiteren Zunahme an Schülern – und Sprachen! – zu rechnen.
Wie schon in Portsmouth im letzten Jahr, übernahm Linda die Aufgabe, die beiden Konzerte für die je etwa 350 Kinder zu kommentieren und sie machte das auf so begeisternde Art und Weise abwechselnd in Französisch, Deutsch, Englisch und Spanisch, dass die vorgesehene Zeit fast nicht ausreichte.
Am Nachmittag hatten wir einen kurzen Auftritt im Lycée Technique des Arts et Métiers. Heldenhaft hat dort unser Sousaphonist Lorenz mit einer Notenordnerkiste zusammen die Zeit im hängen gebliebenen Lift bis zu seiner Befreiung überstanden. Allerdings hat er nachher Lifte gemieden.
Am Abend spielten wir im Lycée Technique École de Commerce et de Gestion. Der Publikumsaufmarsch blieb weit unter den Erwartungen, so dass ich das Konzert etwas abkürzte; auch liess die Konzentration der FM bedenklich nach und von einem guten Konzert waren wir weit entfernt. Am perfektesten waren wohl die Klänge von Marcells Natel.
Der Donnerstag versprach wieder etwas ruhiger zu werden mit nur einem einzigen Konzert, und zwar etwas ausserhalb von Luxemburg, im Lycée Technique Josy Barthel in Mamer. 300 Schülerinnen und Schüler der im letzten Herbst fertig erbauten Schule mit ihrer besonderen Architektur besuchten unser Konzert und liessen sich begeistern. Besonders stolz waren wir natürlich, uns als erste Musikgruppe im Goldenen Buch der Schule nach dem Grossherzog von Luxemburg einzutragen.
Der Donnerstagnachmittag und –abend waren dann frei und wurde ganz verschieden genützt. Am schlechtesten wohl von jenen, welche aus ihrem Zimmer Knallkörper auf die Strasse warfen und uns beinahe einen Polizei-Besuch bescherten. Überhaupt haben nicht alle kapiert, dass ein Hotel keine Pfadihütte ist und ich werde meine Konsequenzen daraus ziehen. Es war nicht besonders angenehm für uns, jeweils am Morgen bei der Rezeption vorbeizukommen und von den Taten, oder eben Untaten der letzten Nacht zu hören. Die Situation besserte allerdings schlagartig, nachdem Linda in den verschiedenen Zimmern vorbeiging und an die Regeln erinnerte.
Mit dem Freitag begann der letzte Konzerttag. Wir fuhren nach Diekirch, um in der dortigen Hotelfachschule – es ist die einzige in Luxemburg – ein Ständchen zu geben. Zum Glück konnten wir draussen spielen, der Saal wäre sehr eng gewesen.
In kürzester Zeit war auch hier das Material auf- und am Schluss wieder abgebaut. Ein grosses Kompliment an die FM-lerinnen und FM-ler für das Engagement, mit welchem sie die Kisten rumschleppen und in kürzester Zeit ihre Aufgaben erledigen. Wenigstens die meisten. Es gibt natürlich immer solche, die sich zuerst einmal mit ihrem Instrument, dann langsam mit ihrer Uniform und möglichst nicht mit dem restlichen Material beschäftigen. Aber zum Glück ist das eine kleine Minderheit.
Auch in Diekirch waren wir zum Essen eingeladen. Und zu was für einem! Sechs Gänge von höchster Qualität, verteilt auf zweieinhalb Stunden. Dass einige das Essen nicht so toll fanden, gibt mir endgültig die Erklärung, weshalb immer wieder Schüler über das Essen in der Mensa der Stiftsschule schnöden. Wir haben nebst anderen unbedachten Kamikazefliegern offensichtlich auch kulinarische Tiefflieger unter uns… Ich hoffe, das die Betreffenden die Abschlussklasse der Hotelfachschule, die sich soviel Mühe gegeben hat, nicht so vor den Kopf gestossen haben, wie die FM-ler das mit der Hotelbesitzerin und den Angestellten an der Rezeption gemacht haben. Aber die meisten unter uns haben das Essen natürlich genossen.
Im Laufe des Nachmittags sind wir dann nach Wincrange im Norden des 82 km langen Landes gefahren, um uns für das letzte Konzert einzurichten.
In diesem sollten die Combo der Musikschule des Kantons Clerf auftreten und der Posaunist dieser Gruppe, der unglaublich begabte Laurent Lemaire, auch zusammen mit unserer Big Band. Er hat in zwei Stücken mit uns zusammengespielt und sogar die Big Band-Mitglieder staunten, wie perfekt und selbstverständlich das auf beiden Seiten klappte nach nur fünf Minuten Probe - und so wenig Schlaf in den vergangenen Nächten!! Trotz der geringen Zuhörerzahl wurde es ein gutes Konzert mit ganz toller Stimmung.
Auch wenn zwei Konzerte von relativ wenigen Zuhörern besucht worden waren, war diese Tournee wohl eine der Zuhörer-reichsten, da die anderen Säle meist bis auf den letzten Platz gefüllt waren.
Am Samstag nahmen wir Abschied von Luxemburg und wir begaben uns auf die Heimfahrt. Dabei reiste auch ein Zebrastreifen mit, der nun auf einer Luxemburger-Strasse fehlt! Ob er in der Zwischenzeit gewaschen wurde und nicht mehr so stinkt, entzieht sich meiner Kenntnis.
Begleitet wurde die FM von Linda Morgenthaler (sie hat schon in Portsmouth mitgearbeitet und hat mir auch diesmal wieder sehr viele Aufgaben abgenommen), Elena Stäger (unsere Physiklehrerin mit ihrem Humor hat uns allen einmal mehr gut getan) und Marcell Schuler (nicht verwandt und mir klar überlegen mit der Anzahl Buchstaben im Vornamen und den glänzenden Fähigkeiten im Chauffieren eines Busses). Pater Roman konnte leider dieses Jahr nicht dabei sein. Ich hoffe, dass dies 2005 wieder möglich sein wird.
Wir haben sehr viel gelacht im Team auf dieser Tournee; und es hat uns sehr gut getan. Aber wir waren ja nicht nur zum Lachen in Luxemburg, sondern um unsere Aufgabe zu erfüllen. So bin ich Linda unglaublich dankbar für ihre Unterstützung vor und während der Tournee. Sie hat mich manchmal auch sehr heftig darauf aufmerksam gemacht, dass ich nicht alles alleine machen kann, sondern delegieren muss. Und sie hat dann die unangenehmsten Dinge gleich selbst übernommen! Dann hat Elena die allabendlichen Kontrollen um 23 Uhr bei den jüngeren FM-Mitgliedern gemacht und mich damit und auch in anderen Dingen entlastet. Ihr und unserem humorvollen Chauffeur Marcell danke ich ebenfalls ganz herzlich.
Besondere Erwähnung verdient auch unser Kapellmeister Raphael. So einen guten hatten wir schon lange nicht mehr und ich würde ihn gerne noch viele Jahre behalten! Auch unser Materialchef Roman kümmerte sich vorbildlich um seine Kisten, Kabelrollen und all das andere Zeug.
Eine ganz besondere Leistung hat wohl Dario, unser Internet-Verantwortlicher vollbracht. Jeden Tag war spätestens um Mitternacht der aktuelle Bericht mit Bildern auf unserer Homepage zu sehen. Der vom Samstag sogar bevor wir zu hause waren!
Übrigens sind diese Berichte immer noch unter www.studentenmusik.ch/tournee04 zu finden und auf unsere Homepage möchte ich an dieser Stelle ebenfalls hinweisen: www.studentenmusik.ch
Zum Schluss danke ich allen, welche diese Konzertreise ermöglicht haben und den Leserinnen und Lesern für ihre Geduld.

Marcel Schuler


POSTSKRIPTUM

Nach der letzten Tournee nach England war mein einziges Kriterium zur diesjährigen Mithilfe eigentlich besseres Essen am Zielort. Aber Luxemburg hat selbst meine kühnsten Erwartungen übertroffen, auch bezüglich des grandiosen Service, den wir überall erfuhren.
Luxemburg mit seinem Tal, welches mitten durch die Stadt verläuft, ist meiner Meinung nach einer der faszinierendsten und schönsten Orte Europas. Auch das Lëtzebuergesch (übrigens nicht ein niederländischer, sondern ein mosel-fränkischer Dialekt) und die dreisprachigen Zeitungen fand ich unglaublich interessant. Das Leiterteam empfand ich als perfekt eingespielt und das Klima untereinander war allgemein sehr angenehm und Lachmuskeln-strapazierend. Nur die Situation im Hotel trübte die Stimmung. Glücklicherweise schluckte Marcel das Ganze, als ob er Nerven aus Stahl hätte. Wohl wegen anderen, vergangenen Tourneen? Für die zukünftigen FM-ler hoffe ich, dass die nächste Tournee (wenn überhaupt – und dafür hätte ich vollstes Verständnis) ruhiger abläuft, denn ich habe alle, in denen ich mitwirken durfte, musikalisch, kulturell und kulinarisch genossen.
Aeddi Lëtzebuerg du schéints Land!

Linda Morgenthaler