Konzerttournee der Studentenmusik vom 1. bis 5. Mai 2007 nach Deutschland 2007

Kartoffelsalat 1
Ich muss vorausschicken, dass ich Kartoffelsalat äusserst gerne esse und während dieser paar Tage in Deutschland voll auf meine Kosten kam. Zum Kulinarischen komme ich dann noch, geographisch will ich hier etwas präzisieren: Wir weilten in Bayern, aber die Einwohner der von uns besuchten Gegend haben es gar nicht immer so gerne, wenn man sie als Bayern bezeichnet. Wir reisten also nach Franken, und zwar zuerst einmal nach Nürnberg, wo wir im Hotel Leonardo untergebracht waren.
Bevor wir am Dienstagmorgen wegfahren konnten, musste zuerst einmal das umfangreiche Gepäck im Bus verladen werden. Wegen der vielen Unterführungen in Nürnberg, die weniger als vier Meter Durchlass boten, konnte unser routinierter Fahrer Marcell Schuler nicht den doppelstöckigen Reisebus mitnehmen. Unser Gefährt war dann nur 3,7 Meter hoch und alle Plätze waren besetzt. Materialchef Mathias und sein Schlagzeugkollege Lukas nützten jeden Kubikzentimeter der Laderäume aus, so dass am Schluss noch Instrumente mitgenommen werden konnten, auf die wir sonst hätten verzichten müssen.
Nach der reibungslosen Fahrt über die 440 Kilometer bezogen wir die Zimmer im Hotel, um kurz darauf gemeinsam einen ersten Gang in die Stadt zu unternehmen. Ich wollte allen den direktesten Weg ins Zentrum der Stadt - und zurück - zeigen. Vor dem gemeinsamen Nachtessen war genügend Zeit, um selbständig die Stadt zu erkunden. Fast die Hälfte der FM trafen wir bald auf der Burg, wo sie schon den Tiefen Brunnen besichtigt hatten. Der dortige Führer beeindruckte mit seiner humorvollen Eloquenz und begeisterte wohl alle seine Zuhörer auf Anhieb für diese phantastische und historisch äusserst interessante Stadt. Als sie mir von diesem Erlebnis erzählten, waren sie gerade auf dem Weg zum höchsten Punkt der Stadt, dem Sinwell-Turm. Etwas weiter unten in der Stadt übten sich während dieser Zeit bereits einige Jungs im Mass-Stemmen. Dank der Mitgliedschaft in einem Verein der Stiftsschule - und deshalb entsprechendem Training - blieben die Folgen allerdings in Grenzen.
Um 18.30 trafen sich dann alle im Bratwurst-Röslein zum Nachtessen. Natürlich wurde die fränkische Spezialität serviert: ein halbes Dutzend Nürnberger Bratwürste und Kartoffelsalat.

Kartoffelsalat 2
Am Mittwoch reisten wir nach recht früher Tagwache - trotz Ferien mussten wir jeden Morgen um 07.15 oder 07.30 zum Frühstück erscheinen – nach Bamberg, um am Dientzenhofer-Gymnasium 3-mal je 45 Minuten aufzutreten. Wir spielten jedes Mal vor etwa 100 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten. Assistentin Linda moderierte den grösseren Teil der Konzerte, erklärte unser Instrumentarium, die Probenarbeit, führte aber zum Gaudi der SchülerInnen auch einen Schnellkurs in Schweizerdeutsch durch.
Ich staunte, wie unsere Musikerinnen und Musiker die drei doch recht anstrengenden Programme hintereinander praktisch ohne Pause durchstanden, ohne an Qualität einzubüssen.
Nach den Auftritten waren wir zum Mittagessen eingeladen. Das Menü war Cordon bleu und Kartoffelsalat Nummer 2. Anschliessend hatten wir Zeit, um die Stadt Bamberg etwas zu besichtigen. Die Stadt blieb im 2. Weltkrieg von Zerstörung verschont und ist heute Weltkulturerbe. Die 2 ½ Stunden Aufenthalt weckten hoffentlich bei vielen das Bedürfnis, diese wunderbare Stadt wiederum und länger zu besuchen.
Der Abend in Nürnberg war dann frei. Im Voraus hat mir mein Freund Hubert Henn – er ist Geiger im Nürnberger Opernorchester – angeboten, dass Interessierte die Oper „Faust" von Gounod besuchen können. Ich staunte, dass 17 von diesem Angebot Gebrauch machten und zusammen mit Linda den Abend im Opernhaus verbrachten und die Musik genossen. Allerdings musste Koffein etwas nachhelfen, um den Abend mit Konzentration zum Abschluss zu bringen.
Da Elena Stäger dieses Jahr leider nicht mitreisen konnte, musste ich einen Ersatz suchen, um unser mittlerweile bewährtes und routiniertes Team zu ergänzen. Ganz spontan hat sich eine ehemalige Klarinettistin, Ursula Birchler, bereit erklärt mitzuarbeiten. Sie hat jeden Abend die Anwesenheitskontrolle bei den unteren drei Klassen durchgeführt. Alle waren immer pünktlich da, und an diesem Mittwochabend hat sie ungewollt sogar ein Zimmer geweckt…Kartoffelsalat 3
Bei der Durchsicht meiner ersten Fassung des Reiseprogramms hat Linda gefunden, dass es wohl besser wäre, die Frühstückszeit immer auf 07.15 zu belassen statt sie am Donnerstag auf 07.30 zu schieben. Ich beharrte auf meiner Version; ich wollte nicht auf diese Viertelstunde Schlaf verzichten.
Beim Frühstück traf ich dann Ursula, Kapellmeisterin Yvette und Martina nebst einer Unmenge Japaner, die uns die Plätze streitig machten. Eigenartigerweise war Fahrer Marcell, der sonst immer vor uns beim Frühstück war, noch nicht da. Auch niemand sonst von der FM zeigte sich. Um 07.30 tauchte dann Linda auf und fragte mich, ob ich jetzt wirklich so ein blödes Mungo gewesen sei und nicht gemerkt hätte, dass heute der Tag sei, an dem ich eine Viertelstunde länger habe schlafen wollen…
Sehr bald waren wir dann in Nürnberg-Reichelsdorf an der Erich-Kästner-Schule. Dort unterrichtet Christa, die Frau von Hubert Henn. Ich kenne die beiden seit bald 30 Jahren und durch den Kontakt zu ihnen kam die Reise überhaupt zustande.
Wir spielten wiederum 3-mal ein Programm von annähernd 45 Minuten. Diesmal waren die Kinder etwas jünger und die erste Gruppe durfte sogar unser Instrumentarium ausprobieren. Es war wirklich für uns alle eine Belohnung für unsere Arbeit, die Begeisterung dieser Kinder zu erleben.

Zum Mittagessen gab es gegrillte Würste und – Kartoffelsalat (Nummer 3).
Auf der Rückfahrt liessen wir uns dann wieder von Marcells Tom-Tom führen. Bei einer Abzweigung war ich zwar nicht ganz einverstanden mit Lisas Stimme, die uns aus dem Navigationsgerät heraus aufforderte, rechts abzubiegen. Wir gaben ihrem Drängen nach, aber irgendwann musste ich diesem Treiben doch Einhalt gebieten. Als wird dann wieder in Reichelsdorf ankamen, hatten wir für die Runde 40 Minuten gebraucht. Ansonsten war das Tom-Tom (fast) immer perfekt.
Für den Nachmittag hatte ich das Angebot gemacht, dass wir mit unserem Bus zum Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände fahren können. Wer wolle, könne mitfahren und dort das Doku-Zentrum oder auch das nahe gelegene Sea Life besuchen. Und wer beides nicht will, dürfe auch auf eigene Faust Nürnberg weiter erkunden. Ich war völlig erschlagen, als alle 43 gemeinsam mit uns das Doku-Zentrum besuchten. Es war eindrücklich und beklemmend, in den Mauern dieser protzigen Nazi-Gebäude die Gräuel der schaurigen Vergangenheit zu sehen und ein ganz klein wenig zu erspüren. Das Museum ist ausgezeichnet gemacht und wir hätten wohl noch sehr viel Zeit dort verbringen können. Lukas hatte dann die gute Idee, mit dem Bus zu den Überresten auf dem Zeppelinfeld zu fahren. Wir bestiegen dort die Tribünen dieser unrühmlichen Nazi-Arena und liessen diese Steine auf uns wirken.
Den Abend gestalteten dann alle frei, aber gemäss den Ausgangsregeln. An dieser Stelle ist es angebracht, das Verhalten unserer Musikerinnen und Musiker zu erwähnen: Das war ganz einfach vorbildlich! Im Hotel wurde mir zum Voraus klar gemacht, dass Lärmbelästigung im Haus auf keinen Fall geduldet würde. Und daran haben sich alle gehalten. Als Ursula am Morgen des letzten Tages mit dem Nachtportier sprach, meinte der, dass schon sehr viel los gewesen sei in der Nacht, aber alles sei völlig ruhig abgelaufen. Dass dies so vonstatten ging, ist wohl ganz wesentlich unserer Kapellmeisterin Yvette zu verdanken, die als von allen respektierte Persönlichkeit sich nicht gescheut hat einzugreifen, bevor etwas aus dem Ruder lief.

Kartoffelsalat 4
Der letzte Konzerttag versprach sehr schwierig zu werden. Die Zeiten waren zu eng, da das Tagesprogramm kurz vor der Reise abgeändert werden musste. Allerdings habe ich da meine Truppe völlig unterschätzt. In der Grundschule von Tennenlohe brauchten wir gerade mal 25 Minuten, um aufzubauen und nach dem Schlussapplaus dauerte es 10 Minuten, bis alles im Bus verstaut war. Und das bei der grossen Materialschlacht inklusive Verstärker, Klavier etc. Ich übertreibe nicht!
So blieb auch etwas Zeit, sich vor dem Konzert noch kurz zu entspannen. Rauchpausen gibt es ja nun mittlerweile keine mehr in der FM – mangels Rauchern. Dafür werde ich dem nächsten auf die Finger klopfen, der seine Schnupftabaksdose auf meinen Klaviertasten auskippt! Die Nicht-Schnupfer (also die überwiegende Mehrheit) genoss die Sonne oder nützte die im Schulhof aufgemalten Felder des Himmel-und-Hölle-Spiels.
Auch dieses Konzert war für uns eine Belohnung. Die Kinder waren so begeistert von uns, dass ihr Schlussapplaus lauter war als wir im Stück „Gotta Get Down"; und das will etwas heissen! Der Schulleiter, Herr Gradert, fragte am Schluss die Kinder, welche Instrumente sie denn nun lernen möchten. Bei den meisten war es dann mindestens eines, das sie vorher gehört hatten.
Dank der absoluten Rekordleistung im Abbauen des Instrumentariums kamen wir pünktlich zum Mittagessen in Oberickelsheim an. Dort erwartete uns der 1. Bürgermeister der Stadt Uffenheim, Herr Georg Schöck. Die Stadt hatte uns zur Belohnung für das um 17 Uhr vorgesehene Freiluftkonzert zum Essen eingeladen. Wir genossen das Buffet. Da gab es Bratwürste, Schnitzel, Pommes-frites, Gurkensalat und andere Salate – ja, sie haben es schon erraten, auch Kartoffelsalat Nummer 4 erwartete uns schon mit listigem Grinsen.
Vermutlich entstanden die Rekordzeiten beim Auf- und Abbauen in Tennenlohe wegen der Voraussicht auf den Besuch und der versprochenen kleinen Degustation auf einem Weingut in Bullenheim. Herr Kistner führte uns durch seinen Betrieb, erklärte uns die Prinzipien des Weinbaus und zeigte seine Maschinen. Besonders stolz war er auf seinen Traktor mit Verdeck und eingebautem Radio. Allerdings erschrak er glaub doch etwas, als ich mit dem Gefährt davon fuhr. Zum Glück fand ich auch den Rückwärtsgang, um das Ding wieder zu parken. Den roten Knopf zum Abstellen musste er mir dann aber doch zeigen.
Im Weinkeller bewunderten wohl alle unseren Bassklarinettisten Stefan, der sich herausfordern liess, sich durchs Mannloch in einen leeren Weintank zu stürzen und zu demonstrieren, wie diese Tanks von innen gereinigt werden.
Zwischen 16.30 und 17.30 spielten wir dann für die Bevölkerung von Uffenheim auf einem Platz zwischen Kirche und Altersheim. Die Besitzerin der gegenüberliegenden Konditorei beschenkte uns dafür mit ihren ausgezeichneten Pralinen und die Journalistinnen von zwei Zeitungen machten ihre Interviews und äusserten sich äusserst angetan zu unserem Auftritt.
Nach der Rückfahrt nach Nürnberg genossen alle den letzten freien Abend.

Kartoffelsalat 5?
Dank Yvette, die bereits früh genug die langschlaf-gefährdeten Zimmer aufscheuchte, fuhren wir am Samstagmorgen sogar fünf Minuten zu früh weg. Einige wirkten zwar etwas müde und schliefen zum Teil auf der Fahrt, aber viele genossen auch das Video mit den Road Runner-Cartoons und andere Filme. Die Mittagspause machten wir wiederum auf einer Autobahnraststätte. Die meisten verpflegten sich im McDonald’s, einen Kartoffelsalat hat meines Wissens dabei niemand zu sich genommen.
Ich kann nun an die für mich wohl entspannendste Konzertreise mit der Studentenmusik zurückdenken, und dafür danke ich dem FM-Komitee – ganz speziell Kapellmeisterin Yvette und Materialchef Mathias – und meinem ganz tollen Team. Marcell Schuler hat uns nun zum siebten Mal als Fahrer begleitet. Wir finden jeden Weg – mit und gegen Tom-Tom. Unendlich dankbar bin ich Assistentin Linda Morgenthaler. Sie war nun bereits zum fünften Mal im Team dabei und denkt immer schon 10 Schritte weiter. Die Konzertreisen würden mit Sicherheit nicht so reibungslos über die Bühne gehen, wenn sie nicht ganz entscheidend bei der Organisation behilflich wäre und sich immer im entscheidenden Moment einmischen würde. Ob es auch ihre Pflicht wäre, die Schuhe des Dirigenten im Bedarfsfall zu putzen, wie das ein paar FM-Mitglieder meinten, ist zu diskutieren.
Ebenfalls ein Glücksfall für die FM ist Ursula Birchler. Die ehemalige Klarinettistin fand sich sehr schnell in ihrer Rolle zurecht und übernahm genau die Aufgaben, welche ich von ihr erwartete, ohne dass ich ein Wort gesagt hätte.
Beruhigend für mich war auch, dass ich im Bedarfsfall jederzeit aus der Ferne medizinischen Rat hätte holen können bei meinem Nachbarn Dr. med. Simon Stäuble, Chefarzt des Regionalspitals Einsiedeln.
Ihnen allen danke ich ganz herzlich.
Ein grosser Dank gebührt aber auch den Eltern und Gönnern der Studentenmusik. Ohne ihren finanziellen Einsatz wären solche Reisen nicht möglich. Aber ich bin überzeugt, dass sich dieser Einsatz lohnt. Unsere Musikerinnen und Musiker profitieren nicht nur vom musikalischen Erlebnis, sondern auch vom Reisen und sie erweitern durch diese gemeinsamen Unternehmen auch ihre soziale Kompetenz.

Marcel Schuler