Konzerttournee der Studentenmusik vom 26. April bis 1. Mai nach Belgien 2009

Improvisation mit 40 Musikerinnen und Musikern

Vor Jahren haben wir die Reisen der Studentenmusik noch mit „Tournee" bezeichnet - einige machen das heute noch. Ich bin dann in den letzten Jahren zur „Konzertreise" übergegangen und diesmal muss ich wohl einen neuen Begriff wählen.
Über Monate hinweg suchte ich Auftrittsmöglichkeiten für die FM in Belgien. Schulen wurden angeschrieben, Verwandte kontaktiert, bei Behörden herumtelefoniert, Botschaften besucht, aber viel hat dabei schlussendlich nicht herausgeschaut. Das Resultat kurz vor der Abreise war ein definitives Konzert, ein eventueller Auftritt und die Erkenntnis, dass man in Belgien zuerst eine Prüfung absolvieren muss, bevor man auf öffentlichen Plätzen auftreten darf. Einerseits hat mich diese Situation gestresst, anderseits stellte ich mich auf eine Ferienreise mit Besichtigungen, Museumsbesuchen und natürlich Freizeit ein. Ich warnte also meine Musikerinnen und Musiker, dass wir viel werden improvisieren müssen und hoffte noch auf weitere Auftritte. Beides ist dann eingetroffen. Ich war mir sicher, dass auch eine etwas improvisierte Reise gelingen würde, da ich mich auf mein Team und das Komitee mit Kapellmeisterin Lou verlassen konnte.
Nicht nur diese ungewisse Situation war neu, sondern auch der Reisebus von Chauffeur Marcell Schuler. Für ihn war es die erste grosse Fahrt mit dem vier Meter hohen und 14 Meter langen Gefährt. Ich bin mittlerweile sensibilisiert genug, um auf den Reko-Reisen nach Brückendurchfahrten unter 4 m und engen Kurven Ausschau zu halten, um diese dann zu meiden. Trotzdem ist es diesmal passiert, dass Marcell und ich bereits 20 Minuten nach der Ankunft in Brüssel den Bus versenkt haben. Ein ungeschickt in einer Kurvenausfahrt geparktes Auto verunmöglichte uns die normale Wegfahrt vom Hotel zum Parkplatz. Ich war dann gezwungen, den sich stauenden Verkehr zu regeln und wir mussten den Bus um 200 m zurücksetzen, auf einer Kreuzung wenden und einen anderen Weg nehmen. Dabei habe ich auch zwei belgische Polizisten in ihrem Fahrzeug an uns vorbeigewinkt. Bestimmt haben diese meine Fähigkeiten als Verkehrs-Dirigent bewundert...
Der Montag war dann unser erster voller Tag in Brüssel und eigentlich wäre am Vormittag eine Stadtrundfahrt vorgesehen gewesen. Der dafür Verantwortliche in unserem Jugend-Hotel teilte mir aber voller Bedauern mit, dass die Stadtrundfahrt nicht stattfinden könne, weil die Reiseleiterin einen Verkehrsunfall hatte. So entschloss ich mich halt, unseren Leuten während dieser Zeit frei zu geben und am Nachmittag mit ihnen nach Waterloo zu fahren, um dort das Schlachtgelände, das Denkmal und die Museen zu besuchen. Wenn ich die Reaktionen darauf richtig interpretiere, war diese Idee gar nicht so schlecht. Und die Geschichtslehrer sind mir vielleicht dankbar dafür, dass nun wenigstens die Mitglieder der Studentenmusik wissen, dass Waterloo nicht in England liegt.

Herzlicher Empfang in den Schulen und phantastische Stadt

Der Dienstag war der einzige Tag, dessen Programm zum Voraus detailliert geplant war und ich recht gut abschätzen konnte, was uns erwartete. Spät am Montagabend bekam ich noch einen Anruf von einem Lehrer der Schule in Zevenkerken, die wir am Dienstag besuchen wollten. Er teilte mir mit, dass doch noch ein weiteres Konzert am Donnerstag in Ostende möglich geworden sei. Das deckte sich optimal mit meinen Plänen, da ich ohnehin im Sinn hatte, an diesem Tag dorthin zu fahren. Den Kontakt zum erwähnten Lehrer habe ich unserem Mathematiklehrer an der Stiftsschule, Hannes van der Weijden, zu verdanken. Die beiden haben sich vor mehreren Jahren einmal an einer Tagung in Belgien getroffen.
So reisten wir also am Dienstagmorgen früh nach Norden und trafen pünktlich in Zevenkerken bei Brügge ein. Dort wurde natürlich auch gleich in den ersten zwei Minuten improvisiert. Ich hatte mit dem dortigen Deutschlehrer abgemacht, dass eine Gruppe von uns in seinen Unterricht kommt, um mit den Schülern auf Deutsch Konversation zu machen. Nun hatte der Französischlehrer ebenfalls dieselbe Idee und kurzfristig mussten ein paar Wagemutige gesucht werden, die sich auf dieses Experiment einliessen. Tatsächlich waren fünf von uns dazu bereit und ich glaube, auch das ist gut herausgekommen. Während dieser Schulstunde hat Pater Victor - die Abdijschool von Zevenkerken gehört zur Sint-Andries-Abtei und wird auch von Benediktinern geführt - uns die sieben Kirchen in sieben Baustilen erklärt, welche die Kirche von Zevenkerken ausmachen.
Vor dem Konzert wurde die Zeit etwas knapp und ich stand dann ziemlich erschlagen und völlig staunend vor meiner FM, um die Instrumente zu stimmen. Die hatten es doch tatsächlich geschafft, innerhalb von 27 Minuten die grosse Konzertaufstellung aufzubauen und die Uniform anzuziehen!!
Wir spielten in der Turnhalle ein Lunchkonzert, wobei die Schülerinnen und Schüler in ihren Uniformen auf dem Boden sassen und dazu ihre Brote assen. Wir füllten also ihre Mittagzeit mit Musik und das kam gar nicht schlecht an. Dabei wurden auch vier Geburtstage gefeiert. Der Direktor gratulierte einem Mitglied der Schulleitung, zwei Schülerinnen und sogar unserem Flusi!
Nach dem Konzert wurden auch wir verpflegt und ich wurde über den Auftritt am Donnerstag in Ostende informiert. Meine erste - zum Glück unberechtigte - Sorge dabei war, ob wir auch dort mit unserem Bus vor die Schule fahren können.
Den Nachmittag verbrachten wir in Brügge und so wie es mir im Februar auf der Reko-Reise ergangen ist, waren wohl alle von der Schönheit und den riesigen Ausdehnungen der Altstadt fasziniert. Einige sind auch auf den Rathausturm gestiegen, um die Aussicht zu geniessen oder haben das Schokolademuseum besucht. Wie ich das im Programm angeboten habe, sind diese dann zu mir gekommen und haben die Kosten der Eintritte von mir zurückgefordert. Meiner Ansicht nach bewährt sich dieses System und motiviert vielleicht, sich etwas mehr anzusehen als sonst.

Zu Fuss auf der Stadtautobahn und der freie Nachmittag

Am Mittwochmorgen machten wir dann doch noch die geplante Stadtrundfahrt, nachdem ich mich nicht damit zufrieden gab, dass man mir einfach die Kosten zurück erstattet. Ich wollte einen nicht verunfallten Reiseleiter und mit der FM die Stadt ansehen! Der griechisch-stämmige Christos Kritikos hat dann nicht nur zwei, sondern über zweieinhalb Sunden unseren Bus durch Brüssel gelotst und uns auf äusserst sympathische und kompetente Art die Sehenswürdigkeiten der Stadt gezeigt. Und ich kann Ihnen allen nur empfehlen, Brüssel und überhaupt Belgien zu besuchen! Wenn Sie das allerdings mit einem 4 m hohen Bus machen, sollten Sie etwas vorsichtig sein. Erstens hat es auf den zwei Ringen um die Stadt sehr viele Tunnels, die zu niedrig sind und umfahren sein wollen und zweitens stimmen die Höhenangaben nicht immer. So standen wir plötzlich vor einer Tafel mit einer Höhenbeschränkung von 3.90 m. In der Schweiz gibt es da kein Durchkommen für einen Viermeterbus. Unser Reiseleiter meinte dann, das sei kein Problem, da komme man durch. Marcell senkte also sein Gefährt um 5 cm ab und ich stieg aus und rannte dem Bus voran, um die Durchfahrt zu kontrollieren. Und tatsächlich war es kein Problem; über dem Bus waren immer etwa 30 cm freier Raum... Wer da wohl gemessen hat?
Den Mittwochnachmittag genossen alle auf ihre Weise mit Museumsbesuchen, Shoppen oder was auch immer. Meine Assistentinnen und ich besuchten das bekannte Instrumentenmuseum und dabei konnte ich endlich die originalen zum Teil verrückten Konstruktionen des belgischen Instrumentenbauers Adolphe Sax bewundern, die ich bisher nur aus Abbildungen kannte. Nun weiss auch Elena, weshalb das Saxophon diesen Namen hat, während Irmgard die Erfahrung machte, dass es in Belgien unter den 800 Biersorten auch solche mit 13% Alkoholgehalt gibt. Das hat sie allerdings nicht im Instrumentenmuseum herausgefunden.

Der letzte Tag und das Wetter

Am Donnerstag fuhren wir also nach Ostende, um dort zuerst das dreimastige ehemalige Schulschiff „Mercator" der belgischen Handelsmarine zu besichtigen und dann nach dem Mittagessen im Sint-Andreasinstituut für 150 Schülerinnen und Schüler zu konzertieren. Trotz der kurzen Frist der Abmachung wurden wir auch an dieser Schule herzlichst empfangen und grosszügig bewirtet. Meine Sorge bei diesem Konzert war auch hier die Sprache. Wir waren im niederländisch sprechenden flämischen Teil Belgiens und nicht alle Schülerinnen und Schüler verstehen Deutsch. So musste also mein Französisch herhalten. Ich wenigsten habe mich verstanden...
Auch diesmal war es toll, wie schnell die Bühne auf- und abgebaut war. Keine Wunder, wenn der bärenstarke Michi gleich mit beiden Notenkisten daherkommt!
Vom Wetter her hatten wir entgegen den vorangehenden Prognosen unglaubliches Glück. Abgesehen von den paar Tropfen am Sonntagabend war es angenehm bis sonnig und manchmal sogar etwas warm. Diese Bandbreite war auch bei den verschiedenen Kleidungen bei uns zu sehen. Während ich oft froh war um meine dicke Winterjacke, waren einige in dreiviertellangen Hosen und T-Shirts unterwegs. Ich hoffe, dass wenigstens ein paar von ihnen nun nicht erkältet sind...
Die Rückfahrt am Freitag war für mich dann um einiges entspannter als die Hinfahrt. Trotz viel Improvisation ist uns eine interessante und angenehme Ferienreise gelungen; ich verzichte bewusst auf den Ausdruck „Konzertreise" - die FM-Mitglieder, welche das ganze Jahr über fleissig proben und auftreten, durften ruhig auch einmal auf diese Art und Weise unterwegs sein.
Ich danke meinen Assistentinnen Elena Stäger und Irmgard Fuchs ganz herzlich für ihren grossen Einsatz. Sie haben sehr viel zum Gelingen der Reise beigetragen! Auch unser Chauffeur war nicht nur als Fahrer im Einsatz, sondern auch als Teammitglied, das verschiedenste Aufgaben übernommen hat. Danke, Marcell mit zwei „l"!
Ich danke allen Sponsoren und den Eltern, welche die Reise finanziell überhaupt ermöglicht haben!
Zum Schluss möchte ich noch auf unsere Homepage hinweisen, wo die verschiedenen Berichte und die Fotos von der Reise zu finden sind (www.studentenmusik.ch); sie stammen von unserer Internet-Dame Désirée. Ihr und Dario Züger, der im Hintergrund unser Internet betreut, ebenfalls dem ausserordentlich gut mitarbeitenden Komitee unter Kapellmeisterin Lou, danke ich ganz herzlich.

Marcel Schuler